Kirche : Evangelischer Pfarrer steht unter Missbrauchsverdacht

Ein Geistlicher der evangelischen Kirche steht unter Missbrauchsverdacht. Er soll einen 16-Jährigen vergewaltigt haben. Das Opfer zeigte die Tat von 1999 erst jetzt an.

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Potsdam - Gegen den pensionierten Pfarrer Uwe D. liegen zwei Strafanzeigen vor, die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft nach Angaben eines Sprechers die Vorwürfe. Der Fall reicht bis ins Jahr 1999 zurück, als der Pfarrer der Heiligkreuzgemeinde auf einer Bildungsreise in den USA einen damals 16-Jährigen vergewaltigt haben soll. Der Fall ist kirchenintern seit 2001 bekannt. Obwohl die Landeskirche 2003 erneut über die Vorwürfe informiert wurde, schritt diese nicht ein. Zur Begründung heißt es von der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der 76-jährige D. habe die Vorwürfe stets bestritten, und das Opfer sei nicht bereit gewesen, vor der Staatsanwaltschaft auszusagen.

Nach einem Gespräch mit dem Opfer Ende April habe sich der „begründete Anfangsverdacht“ nun aber erhärtet, sagte Superintendent Joachim Zehner. Daher habe er Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Auch der junge Mann habe seine Vorwürfe inzwischen in einer mehrstündigen Vernehmung zu Protokoll gegeben. Die Staatsanwaltschaft wollte sich aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht zu dem Fall äußern.

Behördensprecher Ralf Roggenbuck bestätigte lediglich, dass jetzt auch eine zweite Anzeige gegen D. wegen Misshandlung Schutzbefohlener und sexuellem Missbrauch von Kindern vorliegt. Sie wurde von zwei Potsdamer Familien gestellt. Nach nicht bestätigten Berichten soll sich D. in der Kita der Heiligkreuzgemeinde an Kindern vergriffen haben. Demnach soll der pensionierte Geistliche, der in der Einrichtung Englischunterricht erteilte, Kinder aus geringstem Anlass in einen kargen, dunklen Raum eingesperrt und geschlagen haben. Einige Kinder hatten sich demnach daraufhin auffällig verhalten, klagten über Angst vor Dunkelheit und nässten ins Bett. Bereits im Frühjahr 2008 hatten die Eltern die Initiative ergriffen, nachdem D. einen Jungen mit in seine Privatwohnung genommen haben soll. Angeblich bot er ihm an, hier zu übernachten und zeigte ihm ein Zimmer mit Betten und Fotos anderer Kinder. „Das Kind ist 2008 befragt worden, ob es sexuelle Handlungen gab, der Verdacht hat sich nicht bestätigt“, sagte Superintendent Zehner.

Bei einer Versammlung forderten die Eltern schließlich ein Hausverbot für den Lehrer, der Gemeindekirchenrat schloss sich an. Laut Kirche holte sich D. trotz Hausverbots in der Kita sein Mittagessen ab, wurde im Garten angetroffen und musste vom Personal des Grundstücks verwiesen werden. „Die Mitarbeiter sind strikt angewiesen worden, das Betretungsverbot durchzusetzen“, erklärte Zehner. Der Superintendent wies den Vorwurf zurück, Kirchenkreis und Landeskirche hätten zu „zögerlich“ agiert. Dass erst Anzeige erstattet wurde, als Eltern selbst damit drohten, sei „so nicht richtig“. Zehner sagte, er sei seit seiner Amtsübernahme im September 2008 mit dem Fall befasst und habe das Gespräch mit dem Opfer gesucht. Weil es bis zuletzt nicht zu einer Aussage bereit war, sei es eine „Ermessensfrage“ gewesen, nicht schon in den Vorjahren die Ermittlungsbehörden einzuschalten.

In der Landeskirche läuft nun ein Disziplinarverfahren gegen D., der in Potsdam von 1966 bis 1999 Pfarrer, davon 25 Jahre Jugendpfarrer und in der Stadt bekanntes Mitglied der DDR-Opposition war. „Es wurde ihm untersagt, den pfarramtlichen Dienst wahrzunehmen“, sagte Zehner. In der kommenden Woche wolle die Kirche eine Telefonnummer für weitere mutmaßliche Opfer einrichten.

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