Kirche : Mit Gott gegen den Trend

Fast überall in Brandenburg sinkt die Zahl der Gläubigen. Das Berliner Umland aber erlebt einen Aufschwung kirchlichen Lebens.

Alexander Fröhlich

Falkensee – „Wenn man so will, ist es eine Auferstehung“, sagt Pfarrer Wolfram Fromke (46). Und meint nicht das Osterfest, sondern den Aufschwung, den Kirchengemeinden am Berliner Stadtrand nach dem Mauerfall erlebten. Seit Fromke 1995 im havelländischen Falkensee seinen Dienst antrat, ist die evangelische Heilig-Geist-Gemeinde auf das Dreifache – knapp 2600 Gläubige – gewachsen. Sie ist die größte Gemeinde von insgesamt zehn in Falkensee, aber bis vor einem Jahr hielt Fromke seine Gottesdienste in der kleinsten Kirche weit und breit ab.

Inzwischen steht der Kirchenneubau – einer der wenigen seit der Wende in Ostdeutschland. Daneben sieht man noch die alte Kirche: ein klappriger Holzbau, der daran erinnert, wie schwer es Gläubigen in der DDR gemacht wurde. „Mauerblümchen“ nannten die Christen in Falkensee ihre Notkirche, 1951 war sie aus Barackenresten eines KZ-Außenlagers zusammengezimmert worden. Zehn Jahre später kam die Mauer, wenige hundert Meter weiter begann die Sperrzone.

Zur Wende hatte die Heilig-Geist-Gemeinde 400 Mitglieder. Seither blüht das Gemeindeleben auf. Weil der Platz nicht mehr ausreichte, wurden Wohncontainer für Begegnungen im Kirchengarten aufgestellt. Ein Kirchbauverein mit 100 Mitgliedern gründete sich und sammelte Spenden für den Neubau, den die Landeskirche lange nicht wollte, weil im Rest Brandenburgs Sparzwang galt. Inzwischen sammelt der Verein für einen Glockenturm.

Das neue Gotteshaus war bereits das zweite in Falkensee, denn 2001 weihte die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde ihre moderne Kirche ein. Die katholische Gemeinde will noch in diesem Jahr mit dem Bau eines neuen Gemeindezentrums für ihre 2400 Mitglieder beginnen.

Im gesamten Kirchenkreis Falkensee stieg die Mitgliederzahl seit 1998 um 7000 auf knapp 17 000. „Das sind keine Missionserfolge, denen wir das zu verdanken haben“, sagt Pfarrer Fromke. Es seien vor allem zugezogene Familien aus Berlin und den alten Bundesländern. Lebten in Falkensee zur Wende noch 21 000 Menschen, zählt die Stadt inzwischen fast doppelt so viele. „Nach der Prognose werden wir in den nächsten 20 Jahren etwa 50 000 Einwohner haben“, sagte Bürgermeister Heiko Müller (SPD).

In den Gemeinden gibt es jetzt Krabbelgruppen und Gottesdienste für die Kleinsten, Arbeitskreise für Frauen und Senioren, Chöre, ja sogar eine Suchtselbsthilfegruppe. „Es entsteht viel Neues, wo kirchliche Gemeinschaft erlebt wird“, sagt Olaf Schmidt, Pfarrer in der Gemeinde Falkensee-Falkenhagen. Und erzählt von einem evangelischen Kindergarten, der 2007 für 90 Kinder eröffnet wurde. Es ist der zweite in Falkensee und der Bedarf damit bei weitem nicht gedeckt. „Es gibt sogar Wartelisten für Kinder, die noch gar nicht geboren wurden“, berichtet Pfarrerin Gisela Dittmer. Ein evangelisches Gymnasium scheiterte an Widerständen in der Stadt, die einer staatlichen Schule den Vorzug gab. Dafür ist Religionsunterricht gefragt. „Wie können den kaum abdecken, es gibt einfach zu wenig Religionslehrer“, berichtet Pfarrer Schmidt.

Überhaupt könnten sich die Gemeinden in Falkensee nicht mit dem Rest der Landeskirche vergleichen, sagt er. Nach offiziellen Angaben sinkt in Brandenburg die Zahl der Kirchenmitglieder jährlich um zwei Prozent, von den 2,2 Millionen Brandenburgern sind 262 000 Mitglied in der evangelischen Kirche.

Im Speckgürtel gedeiht hingegen kirchliches Leben – nicht nur in Falkensee. In Kleinmachnow beispielsweise stieg die Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder von 1400 zur Wende auf nun 5300. Weil der Platz in den Kirchen nicht ausreicht, soll nun auch hier ein neues Gemeindezentrum entstehen, in dem Gottesdienste abgehalten werden können.

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