Der Tagesspiegel : Kirchen hatten in derSED-Modellstadt nichts zu suchen Eisenhüttenstadt sollte Vorreiter desAtheismussein Eine Ausstellung untersucht, was daraus wurde

Michael Zajonz

Eisenhüttenstadt – Die DDR galt bis an ihr Ende nicht gerade als kirchenfreundlicher Staat. Ein Exempel für die Kirchenpolitik der SED wurde in Eisenhüttenstadt statuiert, das bis 1961 Stalinstadt hieß. Eine Ausstellung des Städtischen Museums geht der Frage nach, wie Kirche in der „ersten sozialistischen Stadt Deutschlands“ dennoch möglich blieb.

1953 machte Walter Ulbricht in seiner berüchtigten „Turmrede“ zur festlichen Namensverleihung klar, dass Kirchen in der sozialistischen Idealstadt weder als Institutionen noch als herausgehobene Bauwerke etwas zu suchen hätten. Ein neuer Kirchenkampf war eröffnet, der sich zuallererst gegen die eigenen Leute richtete. 1949, im Gründungsjahr der DDR, hatten sich noch über 90 Prozent der Bevölkerung zu einer der beiden christlichen Konfessionen bekannt.

Die zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung nachgezeichnete Entwicklung in der sozialistischen Neustadt und dem wesentlich älteren Ortsteil Fürstenberg lässt Rückschlüsse auf das Verhältnis von Staat und Kirchen in ganz Ostdeutschland zu. Eisenhüttenstadt, die Wohnstadt des „VEB Eisenhüttenkombinats Ost“, fungierte nach dem Willen der Staatspartei als Modellfall atheistischen Zusammenlebens. Als in den siebziger Jahren die Entspannung zwischen Staat und Kirchen einsetzte, gehörte die Evangelische Friedensgemeinde von Eisenhüttenstadt zu den ersten, die dank eines mit harter Westmark erkauften „Sonderbauprogramms“ ein neues Gemeindezentrum errichten durfte. Die Amtskirche bedankte sich, indem sie nach 1983 nur noch systemkonforme Pfarrer berief.

Auch andere von Kurator Axel Drieschner ausgegrabene Details sprechen Bände: Die spätgotische Stadtkirche Fürstenbergs war noch in den letzten Kriegstagen zerstört worden – und blieb es bis nach 1990. In seinen Bebauungsplänen für die neue Wohnstadt sah der Architekt Kurt W. Leucht 1952 einen Kirchenneubau als Simultankirche für Protestanten und Katholiken vor. Doch nach Ulbrichts Verdikt von 1953 waren selbst Provisorien unerwünscht: Die von der Katholischen Gemeinde ohne Baugenehmigung begonnene Kirchenbaracke wurde 1954 von „Unbekannten“ zerstört.

Erst eine Intervention des stellvertretenden DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und die Kritik in westlichen Medien sorgten dafür, dass 1955/56 beide Konfessionen Behelfskirchen errichten konnten. Damit wurden die Gottesdienste in Bauwagen und Missionszelten, die Anfang der Fünfziger den Gemeindealltag bestimmt hatten, für Jahrzehnte durch neue Notbehelfe ersetzt.

Zugleich versuchte die SED, den Kirchen durch eigene Rituale Konkurrenz zu machen. Mit Erfolg: Seit Ende der fünfziger Jahre nahmen fast alle Jugendlichen an den staatlichen Jugendweihefeiern teil. Selbst Eheschließungen oder Begräbnisse ohne kirchliche Beteiligung waren in Eisenhüttenstadt beliebter als andernorts. Da halfen auch die verzweifelten Modernisierungsversuche der Diaspora- Gemeinden nichts: Eine katholische Prozessionsfahne ziert neben den üblichen Glaubens- und Sinnsprüchen die Ansicht des sozialistischen Großbetriebs. Folgen mochten ihr damals nur noch wenige.

Städtisches Museum Eisenhüttenstadt, Löwenstr. 4, Mi bis Fr 10-16, Sa/So 13-16Uhr, DinachVereinbarung, bis 30. 10.

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