Kirchennutzung : Catwalk unterm Kreuz

In Berlin werden immer mehr Kirchen zu Wohnungen oder Veranstaltungszentren umgebaut. Die Gemeinden brauchen Geld.

Joachim Göres
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Die Auferstehungskirche in Friedrichshain erhielt einen modernen Erweiterungsbau und wird im Auftrag der Kirche für Tagungen und...Foto: picture-alliance/SCHROEWIG/CS

Wer Thomas Heinke besuchen will, muss eine schwere Holztür öffnen und durch ein dunkles Treppenhaus vorbei an bunten Fenstern drei Stockwerke überwinden, bevor er seine Drei-Zimmer-Wohnung erreicht. Dort blickt der Gast im Wohnzimmer erstaunt auf Decken mit Rundbögen. Der Schreibtisch steht neben einem runden Fenster, das ein wenig überdimensioniert wirkt. Was für den jungen Mann seit drei Jahren zur täglichen Umgebung gehört, ist für den erstmaligen Besucher gewöhnungsbedürftig: Thomas Heinke wohnt in einer Kirche! „Meine Mutter hat entschieden, dass wir hier einziehen. Ich war nicht so begeistert, habe mich aber dran gewöhnt. Das Glockenläuten höre ich nicht mehr, es ist ja alles gut isoliert.“

Die Luther-Gemeinde in Berlin-Spandau verkaufte in den 90er Jahren einen Teil der im Jugendstil erbauten Kirche an einen Investor, der dort neun Wohnungen einbauen ließ. „Zuvor verloren sich im Schnitt 40 Gottesdienstbesucher in der Kirche mit 1500 Plätzen, die natürlich trotzdem geheizt werden musste. Heute teilen wir uns mit dem Eigentümer der Wohnungen die Betriebskosten und es passen noch 300 Menschen in die Kirche“, sagt Peter Kranz, langjähriger Gemeindepastor und heute im Ruhestand. Er hatte sich die Wohnungen allerdings etwas anders vorgestellt. „Die Denkmalschutzbehörde hat den behindertengerechten Umbau der Empore verhindert. Außerdem hätten wir gerne an der Außenfassade einen Glasfahrstuhl eingebaut“, bedauert Kranz.

Berlin ist die Hochburg der umgebauten Gotteshäuser: viele Kirchen, wenige Christen. Bei der 1909 errichteten Elias-Kirche in Prenzlauer Berg fehlte vor zwölf Jahren das Geld für die Unterhaltungskosten. Der Gemeindekirchenrat fand im „Mach-mit-Kindermuseum“ einen neuen Nutzer. 1,7 Millionen Euro gab die gemeinnützige GmbH für den Umbau aus. „Für uns sind die großen, hohen Räume ideal und die Gemeindemitglieder sind froh, dass hier Kinder spielen und keine Disco eingebaut wurde“, sagt Geschäftsführerin Marie Lorbeer, die die Kirche für 75 Jahre pachtete.

Wer das Kirchenschiff betritt, blickt zunächst auf den Altarraum mit seinem bunten Jesus-Wandmosaik. In der Mitte steht eine sieben Meter hohe Stahl-Holz-Konstruktion, die sogenannten Spielregale, in denen Kinder herumklettern können. Auch die Seitenschiffe laden zum Spielen und Basteln ein. „Die Kinder merken, dass dies ein besonderer Raum ist, doch als ehemalige Kirche nehmen sie unser Museum nur selten war“, sagt Lorbeer. Bei dem ganzen Projekt ärgert sie nur eins: der staatliche Denkmalschutz, der verhindert, dass an der Außenfassade mit Fahnen oder Plastiken für das Kindermuseum geworben wird.

Deutlich verändert hat sich dagegen das Äußere der Auferstehungskirche im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Das im Krieg zerstörte und nur vereinfacht wieder aufgebaute Gebäude hat vor einigen Jahren durch einen Anbau aus Glas und Stahl wieder seine alte Größe aus dem Jahre 1895 bekommen. Es ist eine von drei Berliner Kirchen, die im Auftrag der evangelischen Kirche für Tagungen und Empfänge vermietet werden. Ein Saal und zwölf Seminarräume mit 1000 Quadratmeter Fläche bieten Platz für rund 400 Besucher. „Unsere Gäste blicken erst mal ehrfurchtsvoll nach oben und sind von dem 17 Meter hohen Raum begeistert“, sagt Jürgen Dührkop, Projektleiter des Technologiezentrums Warnemünde, das einen internationalen Kongress in der Auferstehungskirche veranstaltete. „Wir haben diesen Ort gewählt, weil die Teilnehmer wegen des besonderen Ambientes noch lange positiv an unsere Tagung denken werden.“

Die Umnutzung von Kirchen ist kein neues Phänomen. Das im 13. Jahrhundert errichtete Gotteshaus eines Franziskanerklosters dient in der Stadt Amberg bereits seit mehr als 200 Jahren als Theater. Der Kölner Dom war einst der Pferdestall der französischen Armee. Kein neues Thema, aber ein aktuelles. Erst kürzlich verkündete der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, dass man sich aufgrund drastischer Einnahmerückgänge zu einem Verkauf von Immobilien gezwungen sehe. Zuerst wolle man sich aber von Gebäuden trennen, die keine Kirchen seien. Bereits 2003 hatte die Deutsche Bischofskonferenz hierzu Leitlinien verabschiedet. Danach wird zunächst angestrebt, eine Kirche weiter liturgisch zu nutzen, zum Beispiel für Konzerte oder Ausstellungen. Ist dies nicht möglich, ist der Verkauf erlaubt. Die neue Nutzung darf dem Charakter des Gebäudes nicht widersprechen, Sekten oder islamische Gemeinschaften haben keine Chance. Findet sich unter diesen Bedingungen kein Käufer, wird das Gebäude abgerissen. Ähnliche Grundsätze gelten für die evangelische Kirche. Außerdem gilt bei beiden Konfessionen die „Drei-S-Formel“: kein Sonnenstudio, kein Supermarkt, kein Sexshop.

Im Osten Deutschlands, wo 40 Prozent aller evangelischen Kirchen stehen, sind es die vergleichsweise wenigen Christen schon lange gewohnt, dass das Zentrum ihrer Gemeinde auf Dauer nicht finanziert werden kann. Im brandenburgischen Milow wurde die 250 Jahre alte Dorfkirche über Jahrzehnte bis zur Wende als Möbellager genutzt und verfiel danach. Die historische Fassade konnte nur erhalten werden, weil die Sparkasse für die Sanierung des Hauses Geld gab – das sie heute als Schalterhalle nutzt.

Unter www.kirchengrundstuecke.de werden 13 Gebäude in Brandenburg zum Verkauf angeboten, allerdings keine Kirchen, sondern ehemalige Pfarr- und Wohnhäuser sowie Grundstücke im Besitz evangelischer Gemeinden. In Berlin bietet derzeit nur die evangelische Gemeinde in Schmöckwitz ein Wohnbaugrundstück an, „mit direktem Wasserzugang und schönem Baumbestand“.

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