Klassik : Das Dahlemer Gefühl

34 Jahre lang, von 1959 bis 1993, war Karl Leister Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker – und 30 Jahre lang der Klarinettist Herbert von Karajans. Nun wird er 70.

Christine Lemke-Matwey
Karl Leister
Karl Leister -Foto: privat

Der Briefträger ist einen Schritt schneller am Gartentor. Post aus Japan für den Herrn Professor, der sogleich mit wehenden Schnürsenkeln herbeieilt. Noten, Kritiken, Fotos: Was das Leben eines fahrenden Gesellen so mit sich bringt. Seit 40 Jahren konzertiert Karl Leister in Japan, mit und ohne Philharmoniker, und das ist dieser Tage beileibe nicht seine einzige runde Zahl. 50. Bühnenjubiläum Anfang dieses Jahres, der 70. Geburtstag – als drängte alles auf einmal zur Summe hin, zum Resümee. Er sei froh, murmelt der Klarinettist, wenn der Rummel vorbei sei. So ganz glaubt man es nicht.

Im Entrée liegen die Besucherschläppchen bereit. „Sie dürfen Ihre Schuhe ruhig anbehalten“, sagt Leister und schlüpft hurtig aus den Zwiegenähten. Früher beherbergte das Dahlemer Haus eines der botanischen Institute der Freien Universität, heute herrscht hier Ordnung. Ein tadellos gepflegtes (Privat-)Archiv, tausende CDs, Mineralwasser aus der Karaffe. Und: „Ich will noch etwas sagen“. Leisters Lieblingssatz. Ich will noch etwas sagen: Als könnte etwas verloren gehen von seinem gelebten, musizierten Leben. Als hätte auch in der Erinnerung alles seine Ordnung. Und als würden die entscheidenden Fragen nie gestellt.

34 Jahre lang, von 1959 bis 1993, war Karl Leister Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker – und 30 Jahre lang der Klarinettist Herbert von Karajans. Alte philharmonische Schule. Süffiger Wohllaut. Wobei Leister die Diskussion um den „deutschen Klang“, den die Philharmoniker unter Simon Rattle eingebüßt haben sollen, gelassen sieht. Wer den Karajan-Sound wolle, dem stehe eine üppige Diskografie zur Verfügung. „Aber ich kann nicht nachvollziehen, dass die Philharmoniker auch Barockmusik spielen müssen.“ Abbado, sagt er, sei ein Mann des Übergangs gewesen (dass er dem Orchester eines Tages das Du anbot, hat der Musiker ihm freilich nie verziehen). Und Rattle ist der offensive Veränderer.

Der philharmonische Geist als verrückbare Größe? „Ach wissen Sie, das hängt von den Menschen ab.“ Für den jungen Leister waren dies Kollegen wie Lothar Koch oder Michel Schwalbé. Und wer ist es heute? Leister nennt Emmanuel Pahud und Albrecht Meyer. Die Namen von Wenzel Fuchs und Karl-Heinz Steffens, seinen Nachfolgern, nennt er nicht.

Karl Leister wird 1937 in Wilhelmshaven geboren, der Vater ist Bassklarinettist beim Rias-Symphonieorchester und sein erster Lehrer. Ein gerader Weg, Leister ist überall der Jüngste: mit 15 in der Klasse von Heinrich Geuser, mit 19 im ersten Festengagement an der Komischen Oper. Und dann kommen auch schon die Philharmoniker. Sein Vater schickt ihn 1958 zum Probespiel („man hat damals nicht widersprochen“) – und der Junge ist bass erstaunt, als er tatsächlich gewinnt. Auf die Frage, ob die Klarinette Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, bleibt er ein bisschen stumm. „Sie war ein Freund, mit dem ich mich beschäftigt habe.“ Erst später, sagt Leister und streicht eine imaginäre Tischdecke glatt, habe er begonnen, ihre Magie zu ergründen. Die Farben. Ihre „ausdrucksvolle Stille“. Das Spätzeitliche, bei Mozart, Schubert, Brahms. „Die Klarinette ist ein Todesengel.“

Leisters Vita liest sich wie ein Who-is- Who der klassischen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit 18 sitzt er neben seinem Vater im Graben des Theaters des Westens, als die Callas „Lucia di Lammermoor“ singt (und Karajan dirigiert). Er erlebt das Gedenkkonzert für Dimitri Mitropoulos an der Mailänder Scala (unter Karajan), spielt Bruckner unter Jochum und Mahler unter Barbirolli. Und er entdeckt sich an der Seite Karajans als „Klangmenschen“: „Ich habe eine Klangvision. Ich möchte erst mich verführen und dann die anderen.“ Rubinrot kann diese Vision leuchten, schattig, samtig, von sittsamer Erotik.

Über Karajan, seinen „Vater in der Musik“, könnte Karl Leister wahrscheinlich zweimal 70 Jahre lang Geschichten erzählen. Etwa, dass der Maestro sich am allerliebsten John-Wayne-Videos ins Hotel Kempinski schicken ließ. Ein Westernheld, der nie verliert. 2008 feiert die Welt Karajans 100. Geburtstag. Am Alter übrigens kann sein Klarinettist vorerst nichts Böses finden: „Die Freude wächst. Und die Sehnsucht auch.“ In diesem Sinne! Christine Lemke-Matwey