Der Tagesspiegel : Klein-Berlin in der Uckermark

Abwanderung, Arbeitslosigkeit? Das kleine Wallmow widerlegt die Klischees. Hunderte Neubürger bringen das Dorf zum Blühen

Andreas Voigt

Wallmow - Advent in Wallmow. Eine Gruppe von rund zwanzig Menschen hat sich vor dem Gemeindehaus gegenüber der alten Dorfkirche versammelt. Von hier aus ziehen sie jeden Abend im Dezember durch das 400-Seelen-Dorf. „Wir besuchen immer eine andere Familie“, erzählt Initiatorin Heike Reinhold. Die 49-jährige Musik- und Polnisch-Lehrerin trägt ein altes Akkordeon vor sich her. Viele ihrer Begleiter sind Kinder. Sie weisen mit ihren Kerzen der Gruppe den Weg durch das dunkle Dorf. Vor einem alten Bauernhaus macht sie schließlich halt. Drinnen gibt es Kekse und Glühwein – und ein kleines Hauskonzert mit Geige und Klavier. Bei anderen Nachbarn wird gesungen, oder jemand sagt ein Gedicht auf. Immer mehr Dorfbewohner beteiligen sich mittlerweile am „offenen Advent“. Vor ein paar Jahren hat Heike Reinhold diese alte deutsche Tradition wieder aufgegriffen und in Wallmow eingeführt. „Die vielen während der letzten 15 Jahre Zugezogenen brauchte ich gar nicht erst groß zu überreden, die lieben alle diese Gemeinschaftsaktionen“, erzählt Reinhold, die seit sieben Jahren in Wallmow lebt. Dagegen reagierten die wenigen noch verbliebenen Einheimischen „zunächst etwas verhalten“, erzählt sie.

Heike Reinhold hat es schon 1993 aus Berlin in die Uckermark verschlagen – in eine der strukturschwächsten Regionen Deutschlands, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung gen Westen. Mehr als zwanzig Prozent der ehemals 172 976 Uckermärker haben dem Landkreis 120 Kilometer nordöstlich von Berlin seit der Wende den Rücken gekehrt.

In Wallmow aber wurde der Einwohnerschwund durch regen Zuzug ausgeglichen. In dem heute von herausgeputzten Einfamilienhäusern und individuell restaurierten Bauernhöfen dominierten Weiler hat sich seit der Wende ein nahezu kompletter Bevölkerungsaustausch vollzogen. Rund 340 Neubürger – die meisten aus Berlin – haben sich seit 1991 in dem Dorf knapp südlich der Grenze nach Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt. Darunter Künstler, Tischler, Psychologen, Erzieher oder Biobauern.

Auch Michael Pommerening (43) ist Teil dieses „kleinen Wunders von Wallmow“. Der gebürtige Köpenicker kaufte 1998 zusammen mit neun anderen stadtmüden Großstädtern einen alten Vierkanthof, in dem heute neben zehn Erwachsenen auch acht Kinder leben. Pommerening ist der Direktor der „Dorfschule Wallmow“. Während in der Uckermark seit der Wende an die 40 Schulen geschlossen wurden, gründete der heute 43-jährige Mathe- und Erdkundelehrer mit anderen Neuankömmlingen im August 1999 diese Privatschule. Bis zur sechsten Klasse werden mittlerweile 36 Kinder in einem alten Bauernhaus am Ortsrand nach reformpädagogischen Lehrmethoden unterrichtet. „Wir nähern uns dem Lehrstoff zumeist in Praxisprojekten, Noten gibt es nicht“, erklärt Pommerening.

Aber nicht nur die freie Schule macht Wallmow so attraktiv für stadtflüchtige Familien. Bereits seit 1998 gibt es einen freien Kindergarten, vor zwei Jahren wurde zudem eine Jugendkunstschule ins Leben gerufen, in der sowohl Kinder als auch Erwachsene unter anderem Workshops in Tanz, Handwerkskunst oder „Märchen-Englisch“ belegen können.

„In Wallmow stimmt einfach die Infrastruktur“, sagt Sabine Grünberg. Die 43-Jährige ist mit ihrem Mann und den sechs Kindern vor zehn Jahren von Prenzlauer Berg nach Wallmow gezogen. Sie kauften ein hundert Jahre altes, heruntergekommenes Bauernhaus und brachten es wieder auf Vordermann. Dort betreiben sie auch eine kleine Kneipe und einen Bioladen. „Für uns ist das hier ein kleiner Traum“, sagt die kräftige Frau. „Nirgends sonst können unsere Kinder noch so unbeschwert aufwachsen.“

Ihre Biokost bezieht die Familie zum Teil von Hans-Peter Wendt. Der 54-jährige studierte Landwirt aus Berlin bewirtschaftet mittlerweile das gesamte Land der ehemaligen LPG Wallmow. Rund 1400 Hektar Fläche, die der Nachfahre einer Wallmower Großbauernfamilie im Laufe der Jahre von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hat. „Wallmow hat mich sofort in seinen Bann gezogen“, erinnert sich Wendt, der mit seiner Familie bereits 1991 in das alte Herrenhaus seiner Vorfahren zurückkehrte. In der Folgezeit kaufte er nach und nach das Land zurück. Er war so etwas wie der Pionier für die vielen Neuwallmower, die nach ihm kamen.

Von den Alteingesessenen sind dagegen bis heute viele nicht gut auf den Landwirt aus Berlin zu sprechen. Noch immer werfen sie ihm vor, er hätte das frühere LPG-Land für „’n Appel und ’n Ei“ erhalten, während die LPG-Mitglieder selbst leer ausgegangen seien.

„Lange Zeit tobte deshalb ja auch ein regelrechter Krieg im Dorf“, sagt Ortsbürgermeister Gerhard Hofert (63). Auch er betrachtet das Engagement des Biobauern und der anderen Zugezogenen eher mit gemischten Gefühlen. Der gebürtige Wallmower wünscht sich, „dass die positive Entwicklung unseres Dorfes nicht nur mit den Zuzüglern in Verbindung gebracht wird“. Es gebe schließlich auch noch einige Einheimische, denen das Dorf sehr am Herzen liege.

Heike Reinhold ist nach dem Adventsumzug wieder in ihr Bauernhaus zurückgekehrt. Oben, auf dem ausgebauten Dachboden, erwartet die Musikwissenschaftlerin bald ihren Trommelkurs. „Dann wird es laut hier“, sagt sie lächelnd.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben