Der Tagesspiegel : Kleine Opfer

Häusliche Gewalt ist eine Straftat, die nicht nur Mann und Frau betrifft. Am Tatort sind oft auch Dritte: Kinder. Und die sind meistens schwer traumatisiert

„Hier haben wir … zwei, vier, fünf Kinder … das war Tötung der Mutter durch den Vater.“ Beate Köhn blättert in einem großen Hausbuch mit vielen gelben Fähnchen. Jeder Anruf ist festgehalten, mit Datum, Uhrzeit, kurzen Angaben. Rund 2000 gehen ein, Jahr für Jahr, allein beim Kindernotdienst (KND) und zusätzlich zur seit Mai 2007 geschalteten neuen Hotline Kinderschutz. Rund um die Uhr beraten und helfen hier Frauen, Männer und Kinder, Tag für Tag. Auch Beate Köhn, aber vor allem ist sie verantwortlich für Koordination und Öffentlichkeitsarbeit. Wenn irgendwo in Berlin ein Kind in Not ist, die zwölf Jugendämter aber keine Dienstzeit haben, tritt der Kindernotdienst an ihre Stelle, fährt hin, nimmt das Kind in Obhut. Hier kann es erst mal bleiben, in diesem aus der Zeit gefallenen alten Häuschen, vor dem der Durchgangsverkehr der Gitschiner Straße vorbeidonnert. Es hat etwas von Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt, auch wenn die Veranda fehlt und kein Pferd es hier aushalten würde. Aber drinnen ist es warm und kuschelig.

Häusliche Gewalt endet in den seltensten Fällen tödlich. Aber in jedem Fall ist sie eine Straftat und kein Kavaliersdelikt. Das hat sich inzwischen im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt, auch weil seit Jahren gut vernetzte Institutionen und Projekte die massiven Schäden zu reparieren versuchen und Gesetze geändert wurden. Und ein Bild hat sich festgesetzt: Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Es ist unschön, für beide Seiten, und fast immer richtig. Aber es ist nur zweidimensional, denn fast immer sind Dritte am Tatort: Kinder. Sie bleiben bisher jedoch zumeist ausgesperrt aus der öffentlichen Wahrnehmung. Wie Kollateralschäden. Dabei sind Kinder oft schwer traumatisiert, auch wenn sie „nur“ jahrelang mitansehen mussten, wie ihre Mutter gedemütigt, beleidigt, verletzt, mit dem Tod bedroht wurde. Bei etwa einem Viertel der rund neunhundert Kinder, die der KND pro Jahr aufnimmt, ist häusliche Gewalt die Ursache ihrer Not. Von so vielen erfahren sie es, sagt Beate Köhn: „Sie erzählen das nicht immer, sie kommen mit scheinbar ganz anderen Themen.“ Die fünf Kinder der vom Vater umgebrachten Mutter blieben über einen Monat im Haus. „Wir sind mit ihnen in die Leichenhalle gegangen, damit sie Abschied nehmen können, und wir konnten verhindern, dass der Vater aus der U-Haft zur Beerdigung kommt und sie da auf ihn treffen müssen.“

Die fünf leben heute gemeinsam in einem Heim. Sie haben auf einen Schlag beide Eltern verloren. So ein Schicksal droht auch Kindern, deren Familie Gewalt für normal und das Reden darüber für Nestbeschmutzung hält. Bei bestimmten „Migrationshintergründen“ ist das noch immer viel zu oft so. „Kinder, die so was outen, haben die ganze Familie ,in den Dreck gezogen’, die können nicht mehr dahin zurück“, sagt Beate Köhn. Sie müssen anonym untergebracht und geschützt werden, bevor überhaupt jemand anfangen kann, ihre verwundeten Seelen zu heilen. Den meisten Kindern, deren Zuhause vom Gewaltmenschen befreit ist, bleibt wenigstens die Mutter als vertraute Größe. Mit ihr ziehen sie vorübergehend in eine der 42 Zufluchtswohnungen oder eins der sechs Frauenhäuser, die es in Berlin gibt. Aus ihrer Kita oder Schule müssen sie sofort raus, und Freunde zu sich einladen geht auch nicht mehr. Wo sie jetzt leben, muss geheim bleiben. Frauenhäuser haben eine „Bannmeile“ um sich. Trotzdem hat es schon Tote gegeben, sind auch Mitarbeiterinnen angegriffen worden.

„Eigentlich sind alle Kinder verhaltensauffällig und haben verschiedene Entwicklungsverzögerungen“, erzählt Christina Fichte, die nur hier so heißt. Seit vier Jahren arbeitet sie im Kinderbereich eines Frauenhauses. „Schulkinder haben Konzentrationsprobleme, manche Kinder nässen oder koten ein, haben Essstörungen.“ Hier kommen sie endlich zur Ruhe und werden prompt krank. „Man hat das Gefühl, es bricht erst mal alles raus, was in ihnen steckt.“ Ein durch jahrelangen Terror poröses Immunsystem ist nicht das Einzige. Oft sind die Kinder selbst verletzt, weil sie sich zwischen ihre Mütter und Messer oder Fäuste geworfen haben. Nicht selten sind sie obendrein von ihren Müttern verraten worden, weil die jahrelang die Gewalt aus Angst leugneten. Veronika Mahls, die auch anders heißt, ist seit vierzehn Jahren dabei und nennt noch ein Problem. „Oft entscheiden sich Mütter zwar wegen der Kinder, endlich aus so einer Beziehung wegzugehen, und den Weg bis hierher schaffen sie auch, aber dann sind sie so fertig, dass sie sich gar nicht um sie kümmern können.“ Manche scheitern dann schon am Minimalprogramm, sie regelmäßig zu waschen und zu füttern, sie in Schule oder Kita zu schicken. Die vertraute Größe wird plötzlich wacklig. „Die Kinder brauchen vor allem Zuwendung und Zuverlässigkeit“, sagt Veronika Mahls, selbst Mutter. Fundamentale Sympathie und klare Regeln. Nur mit beidem zusammen können sie die Spiel- und Lernräume nutzen, die es in den Berliner Frauenhäusern inzwischen gibt. In diesem hier ist es eine ganze Etage, getrennt vom Wohnbereich, in dem sie immer auch an die Angst- und Wutschwingungen der Frauen angeschlossen sind. Hier sind Zimmer zum Malen, Basteln, Tanzen, zum Klettern, Toben, Trampolinspringen. „Das ist ganz wichtig, dass sie sich auspowern können“, sagt Christina Fichte. Der Hausaufgabenraum hat einen richtigen Arbeitstisch und einen Computer. „Wir helfen auch, wenn die Mütter nicht so gut Deutsch können oder überfordert sind.“ In ein paar Stunden kommen sie wieder, die Schulkinder, „stellen ihren Ranzen ab, ohne ein Wort teilweise, und setzen sich hier hin.“ Lernbegierig. Jetzt am Vormittag sind nur die Jüngsten da, kleine Jungs und Mädchen in allen Hautfarben. Gerade haben sie „Teepause“, stürmen mit ihren Betreuerinnen in die Küche und füllen die Etage mit ihrer Fröhlichkeit.

„Es hat lange gedauert, bis Kinder nicht nur irgendwie mitgedacht wurden“, seufzt Ulrike Kreyssig in ihrem vollgestopften kleinen Büro in der BIG-Interventionszentrale. Die Berliner Initiative gegen Gewalt wurde 1995 gegründet, weil Frauenhäuser allein nicht reichen. Häusliche Gewalt ist kein „Weibergedöns“, hier ist etwas „Privates“ unmittelbar politisch und kann nur so angepackt werden: durch eine solidarische Gesellschaft und ihre Gesetze und Institutionen. Frauenhäuser haben als Frauenprojekte angefangen, als Hilfsangebote für Frauen. Für Kinderangebote sind prinzipiell die Jugendämter zuständig. „Die hatten aber häusliche Gewalt nicht gleich im Blick, sondern eher Missbrauch oder Vernachlässigung.“ Häusliche Gewalt ist ein komplexes Problem, das ebenso komplexe Interaktion erfordert, Vernetzung der vielen einzelnen Stellen, die damit zu tun haben. Das war die wichtigste erste Intervention, mit ihr wurde die BIG bundesweit Modellprojekt und Vorbild für andere. „Es ist uns gelungen, die Polizei ins Boot zu holen, die Jugendämter, die Justiz, die Bereiche Gesundheit und Migration, Frauenprojekte natürlich“, erzählt Ulrike Kreyssig, „jede Regierung hier hat unsere Arbeit mitgetragen. Aber es ist ein langer, mühsamer Prozess.“ Mit runden Tischen, an denen auch die „große Politik“ sitzt und Initiativen zu „Chefsachen“ werden können, mit Expertenkommissionen, regelmäßigem Austausch, Fortbildung. Was Kinder betrifft, ist der lange Prozess noch ziemlich am Anfang. Das Umgangs- und Sorgerecht etwa ist so auf das Prinzip „beide Eltern“ fixiert, dass auch gewalttätige Väter es fast immer bekommen. Jugendämter können gar nicht immer sichern, dass sich Mann und Frau bei der Übergabe nicht begegnen müssen, und von der Personalstärke, mit der sich verhindern ließe, dass ein Mann die Kinder manipuliert oder gar entführt, kann man nicht mal träumen. Kinder sind bisher buchstäblich die Schwachstelle im Netz. Bundesweit. Nur in Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg gibt es wenigstens Modellprojekte speziell für Kinder. Aufgrund ihrer Erfahrungen erarbeitet BIG zurzeit ein Konzept für Berlin.

Zurück zur Praxis. Polizisten sind zumeist die Ersten, die bei häuslicher Gewalt eingreifen. Wie sie sich am Tatort verhalten, hat nachhaltige Wirkung. Tina Jerbi ist seit 2003 Opferschutzbeauftragte der Polizeidirektion 1 im Berliner Norden. „Wir wollen Opfer stark machen, denn je schneller uns das gelingt, desto schneller kann ihnen Gerechtigkeit widerfahren.“ Durch die polizeilichen Ermittlungen, in Straf- und Zivilprozessen, bei Ämtern. „Da steckt der präventive Ansatz, und deshalb liegen uns Kinder besonders am Herzen, und nicht nur in dieser Direktion.“ Die Polizeihauptkommissarin ist stolz auf den „Raum der Stille“, den sie in ihrer Direktion endlich 2006 aufmachen konnte. Ein Zimmer in sonnenhellen Farben, mit Extraspielecke und Spielzeug für die Kleinen. Es passt zwischen all die Amtsstuben mit Stahlschränken und Bildschirmen wie warmer Apfelstrudel zwischen Spinatvierecke im Kühlregal. Stolz ist sie auf alles, was schon geschafft ist: Die Mittel, das Prinzip „wer schlägt, der geht“ durchzusetzen, die das Gewaltschutzgesetz und das Berliner Polizeigesetz heute bieten, veränderte Dienstvorschriften, Kooperationsverträge mit Jugendämtern. In Berlin fährt heute kein Polizist mehr in den Einsatz „hG“ mit der Haltung: „Jeht uns nüscht an, is privat!“ Wenn heute manch ein Polizist frotzelt, statistisch gesehen sei „hG“ eigentlich ein traumhaftes Kriminalitätsfeld – pro Einsatz gleich mehrere Delikte mit hundert Prozent Aufklärungsquote –, dann ist das nur die harte Schale, die einen weichen Kern schützen muss. „Na ja, die Arbeit fordert einen manchmal bis aufs Letzte“, sagt Tina Jerbi. Aber sie lohnt gerade bei den Kindern. Nach allem, was man weiß, bleiben Kindern, die nichts anderes kennenlernen durften als Gewalt und Ohnmacht, später meistens nur zwei armselige Optionen: selbst Täter zu werden oder ewig Opfer zu bleiben. Je früher sie da rausgeholt werden und lernen können, dass man vor Konflikten keine Angst haben muss, weil sie nicht automatisch zu Zerstörung führen, sondern produktiv sein können, umso besser. Nicht zuletzt auch für die Kriminalstatistik.

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