Der Tagesspiegel : Kleiner König Cato

Toll ist, was bunt ist und Krach macht: Im Kunstraum Grimmuseum kuratiert ein Zehnjähriger.

Cara Wuchold
Meine Wahl. Für die Ausstellung hat Cato J. Dibelius Arbeiten von Künstlern ausgesucht, die ihm subjektiv zusagen. Foto: Mike Wolff
Meine Wahl. Für die Ausstellung hat Cato J. Dibelius Arbeiten von Künstlern ausgesucht, die ihm subjektiv zusagen. Foto: Mike...

Blauer Kapuzenpulli, Jeans, blaue Turnschuhe. Da steht ein Männchen vor einer frisch gemauerten weißen Wand und macht Krach. Haut mit Wucht immer wieder seinen Kopf gegen die Mauer. Zu seinen Füßen weißer Staub, sie bröckelt schon. „Revolution“ heißt die Arbeit des tschechischen Künstlers Kristof Kintera, die derzeit im Grimmuseum in Kreuzberg zu sehen ist. Vielleicht schafft er es bis zum Ende der Ausstellung ja mit dem Kopf durch die Wand.

Blaues T-Shirt, Jeans, blau-weiße Turnschuhe. Neben der Arbeit steht Cato J. Dibelius, die Ähnlichkeiten sind rein zufällig. Wenn auch noch die Popcornmaschine, ein umfunktionierter Betonmischer über einer Gasflamme von Michael Sailstorfer, angeht, dann wird es richtig laut. Cato juchzt, er freut sich über den Lärm, schließlich hat er die Installationen ausgewählt. Und das ist ein Ding, ein großes sogar, denn Cato ist erst zehn Jahre alt und das Grimmuseum in der Berliner Kunstszene etabliert. In einem Raum sind die lauten Arbeiten, in einem anderen die bunten, so hat er sich das ausgedacht.

Cato ist für den Kuratorenjob in allerlei Hinsicht prädestiniert. Er ist ein Kunstgucker und hat laut Co-Kuratorin Amelie Wedel schon über 400 Ausstellungen besucht. Sein Vater Roland Barta ist selber Künstler, da gibt es also keine Berührungsängste mit dem Metier. Der kann seinem Sohn mittlerweile nichts mehr vormachen. Als er seine Arbeit „Move it“ plante, einen Hula-Hoop-Reifen schwingenden Kaktus, da erinnerte sich Cato an ein Kaktus-Werk von Simon Starling, das er in der Temporären Kunsthalle gesehen hatte, und meinte: „Daddy you can’t make a cactus … this has been done!“ Bartas Werk kommt im Grimmuseum zwar nicht vor, doch so lautet jetzt der Titel der Ausstellung.

Sie folgt keinem inhaltlichen Leitfaden, aber sie macht Spaß. „Da passiert was! Da geht was kaputt! Da entsteht was!“, so beschreibt Amelie Wedel, was Cato an den Werken gefällt. Wie bei der Videoarbeit „Who is afraid“ von Emanuel Fanslau, in der drei eingeschaltete Flex auf einer weißen Fläche aufeinander losgehen – bis auch die letzte den Geist aufgibt und das rote Werkzeug gewinnt. Cato lässt sich gern überraschen. Das Werk von Seb Koberstädt, weiße geometrische Formen auf einer braun gestrichenen Wand, verströmt einen süßlich-muffigen Geruch. „Das ist eine Bier-Kakaopulver-Mörtel-Arbeit“, weiß Cato, „da schreibt er halt immer so böse Wörter drauf. Sieht man doch, da ist ein X, da ist ein E, da ist ein S. Mir gefällt, dass er nicht mit Farben arbeitet, sondern mit Lebensmitteln.“

Die Zusammenarbeit mit Cato war für das Grimmuseum ein Experiment. Amelie Wedel hält es für Zufall und Glück, dass Cato die Lust und die Neugierde bis zum Ende behalten hat. „Das hätte ja auch anders laufen können.“

Die Künstlerin Rebecca Raue sieht da wiederum eine feine, kritische Linie. Sie ist Expertin in Sachen Kinder und Kunst. Gemeinsam mit der Kuratorin Laurie de Chiara hat sie ArtPod gegründet, eine Initiative, die zeitgenössische Kunst einem breiteren Publikum und insbesondere Kindern zugänglich machen möchte. Die Idee eines Kinderkurators findet sie toll, „man muss nur aufpassen, dass man die Kinder nicht als kleine Erwachsene einsetzt, dass man sie in ihrer Rolle nicht überfrachtet“. Denn Hürden gibt es im Umgang mit Kunst noch früh genug. Statt „Bin ich gut genug, um das zu verstehen?“ einfach: ‚‚Hat das mit mir zu tun? Sagt mir das was? Macht mich das an?“ Diesen direkteren, spontaneren Zugang möchten sie und de Chiara nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen vermitteln. Um all den „fertigen Produkten und endgültigen Räumen in unserer zugekleisterten Welt“ etwas Spielerisches entgegenzusetzen. Dabei geht es nicht um buntere, leichtere, lieblichere Kunst. „Es ist gar nicht so wichtig, zu vermitteln, sondern auf die Kunst zu vertrauen.“ Dazu gehört auch das Aufbrechen elitärer Kreise, die Öffnung von Räumen. Nicht immer auf die Szene, den Kunstmarkt zu schielen, sondern sich einem breiteren Publikum anzunähern. Und zwar nicht im Sinne der Steigerung von Besucherzahlen für die Statistik, sondern mit dem Ziel eines kommunikativen Austauschs. Rebecca Raue glaubt, dass sich die Künstler „mit den immer teureren und immer unnahbareren Werken selbst nicht wohlfühlen“.

Bei Cato ist das Lustprinzip auf jeden Fall erkennbar. Werke von Frauen sind übrigens nicht dabei. Ist das Zufall? „Ja, schon.“ Ist ihm in letzter Zeit spannende Kunst von Frauen aufgefallen? „Hm, nee.“ Die von ihm kuratierte Ausstellung im Grimmuseum könnte Kinder und Familien anlocken, die sonst eher keine Kunsträume betreten. Kein Wunder, sie sind ja meistens gar nicht darauf ausgerichtet. Selbst wenn es niedrigschwellige Informationsangebote gibt, werden die in der Regel im Nachhinein erstellt. Bei den Konzeptionen von Ausstellungen oder Räumen dürften sie kaum mitbedacht worden sein. Ob das Grimmuseum für einen Kinderansturm gewappnet ist, wird sich zeigen, wenn es dazu kommt. Zumindest bräuchte es dann wohl mehr Aufsichtspersonal. Oder die Eltern erledigen das. Zwei Tage nach der Eröffnung betritt zeitgleich mit mir eine Familie den Ausstellungsraum. Erster Satz: „Ihr dürft nichts anfassen!“ Eins der Kinder: „Was ist denn das?“ Das andere: „Ein Kunstwerk!“ Das ist Museumsrealität. Und es stimmt, Mitmachgelegenheiten gibt es hier nicht. Selbst das Monopoly-Spiel von Rodrigo Oliveira, alle Straßennamen und Spielhinweise mit grüner Farbe übermalt, hängt eingerahmt an der Wand und ist nur zur Ansicht gedacht. Auch ein Begleitprogramm fehlt bislang, ist aber noch vorgesehen.

Trotzdem: Die Kunstwerke sind zugänglich, hat man es erst einmal über die Türschwelle geschafft. Dass ein Zehnjähriger die Ausstellung zusammengestellt hat, ist ihr zunächst nicht anzusehen. Vom Grimmuseum aus hatte Cato freie Hand. Auch wenn der Vater bestimmt beratend zur Seite stand und viele der Künstler aus seinem Umfeld stammen. Dass sich kein Konzept durch die Räume schlängelt, macht sie luftig. Gäbe es eins, wären Kurator und Berater wohl auch tatsächlich in die „Schaut her! Ein Kind als Kunstexperte!“-Falle getappt.

Grimmuseum, Fichtestr. 2; bis 17.2., Mi–So 14–19 Uhr

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