Klimaforschung : Alarm im Treibhaus

Potsdamer Forscher warnen: Für das Klimaziel muss der Kohlendioxidausstoß halbiert werden

Ralf Nestler

Was für Marathonläufer die 42,195-Kilometer-Marke ist, ist für Klimapolitiker der Wert von zwei Grad Celsius. Auf dieses Ziel ist alles ausgerichtet. Was der Läufer schaffen will, ist leicht vorstellbar. Beim Klimaziel, das mittlerweile mehr als 100 Staaten verfolgen, ist es schwieriger: Die weltweite Durchschnittstemperatur soll im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, die um 1750 endete, bis 2100 nicht mehr als zwei Grad zunehmen. Um das zu erreichen, muss der Ausstoß der Treibhausgase reduziert werden. Nur in welchem Maß? Und wie kann trotz der Reduktion ein vernünftiger Lebensstandard für Milliarden Menschen erreicht werden?

Zumindest auf die erste Frage gibt es nun eine fundierte Antwort. Ein internationales Team um Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat erstmals umfassend berechnet, wie der Ausstoß von Treibhausgasen gesenkt werden muss, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature“ (Band 458, Seite 1158) schreiben, dürfen dazu von 2000 bis 2050 nicht mehr als 1000 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen werden.

Die Zahl klingt unvorstellbar groß. Doch sie erscheint viel kleiner, wenn man berücksichtigt, dass bis jetzt bereits ein Drittel dieser Menge in die Atmosphäre gelangt ist. In ihren Berechnungen gehen die Forscher davon aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Energieversorgung und Mobilität weitgehend ohne CO2-Ausstoß möglich sein werden. Das setzt voraus, dass die Emissionen bis 2050 auf die Hälfte des Niveaus von 1990 sinken. Deutschland zum Beispiel erzeugt mittlerweile nur noch knapp 80 Prozent der CO2-Menge von 1990, was aber auch dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie zu verdanken ist. Global betrachtet nimmt der CO2-Ausstoß bisher stetig zu.

„Das Jahr mit den meisten Emissionen muss unbedingt vor 2020 liegen, damit die schrittweise Reduktion in den folgenden Jahren einigermaßen machbar ist“, sagt Meinshausen. Würde man zum Beispiel bis 2030 weitermachen wie gewohnt, müsste der CO2-Ausstoß in den folgenden Jahren um jeweils zehn Prozent gesenkt werden, um das Klimaziel zu erreichen, erläutert der Forscher. „Das dürfte in der Realität kaum gelingen“, sagt er.

Was eine CO2-Reduktion bis 2050 in dem geforderten Umfang bedeutet, verdeutlicht Mitautor Bill Hare: „Um die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, dürfen wir nur ein Viertel der wirtschaftlich förderbaren fossilen Brennstoffe nutzen.“

Ihre Aussagen stützen die Forscher auf mehr als 1000 unterschiedliche Simulationen, die sie auf ihren Computern durchgespielt haben. Dabei wurde nicht nur die Wirkung von Kohlendioxid, sondern auch weiterer Treibhausgase wie Methan und Lachgas berücksichtigt. Auch der Einfluss von Luftschadstoffen, die das Sonnenlicht streuen, wurde einbezogen. „Dennoch gibt es Unsicherheiten“, gibt Meinershaus zu bedenken. So können die Forscher nicht genau sagen, wie die Wälder auf Niederschlags- und Temperaturänderungen reagieren. Bilden sie mehr Biomasse und fixieren damit große Mengen Kohlendioxid? Oder wird es weniger Bäume geben und damit der CO2-Gehalt in der Atmosphäre noch schneller zunehmen? Auch der Einfluss der Wolken auf die Klimaentwicklung ist wenig erforscht. All diese Unsicherheiten führen dazu, dass Zukunftssimulationen nie ein einzelnes Ergebnis liefern, sondern Resultate, die zwischen „sehr wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“ liegen.

Auch für den jetzt vorgestellten Plan zur Emissionsreduktion gibt es noch eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, dass die Durchschnittstemperatur im Jahr 2100 um mehr als zwei Grad steigt. Bezogen auf das Jahr 1750 sind bis heute bereits 0,8 Grad „geschafft“.

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