Klimaforschung : Der aus der Kälte kam

Der Brandenburger Klimaforscher Jürgen Graeser war als erster Deutscher auf einer russischen Nordpolstation Jetzt plant er schon die nächste Expedition zu einer Eisscholle am Ende der Welt. Im Frühjahr 2009 soll es losgehen.

Annette Kögel
Klimaforscher Graeser
Am Nordpol sammelte Jürgen Graeser Wetterdaten. -Foto: Promo

Lindenberg/Potsdam - Diese Stiefel würde wohl jedes Kind gern zu Nikolaus vor die Tür stellen: Der Schaft ist riesig und geht bis hoch zu den Knien. Doch nicht nur ihre Größe ist ungewöhnlich. Die Schuhe sind aus Lammfell genäht, und sie besitzen eine Filzsohle. „Da darf nichts genietet und genagelt sein, das Metall würde die Kälte leiten“, sagt Jürgen Graeser. Die Expeditionsschuhe hat der Brandenburger Polarforscher von russischen Kollegen im Frühjahr auf der Forschungseisscholle nahe dem Nordpol bekommen: Ein Abschiedsgeschenk für den Experten aus Brandenburg, der im Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) auf dem Potsdamer Telegrafenberg beschäftigt ist. Auf der russischen Expedition war er als erster Deutscher dabei.

Jetzt steht für den 50-Jährigen aus dem 800-Seelen-Dorf Lindenberg bei Fürstenwalde aber erst mal Urlaub in Thailand an. Dann geht’s zu einem Kurztrip nach Spitzbergen, später in die Antarktis – und dann bereitet er sich auf die nächste Arktisexpediton auf einer Eisscholle am Nordpol im Frühjahr 2009 vor.

„Herzlich willkommen, Held der Arktis“ steht auf einem Plakat, mit dem ihn seine Arbeitskollegen bei der Rückkehr aus dem ewigen Eis empfingen. Dazu gab es einen Pokal, „voll bis obenhin mit Sekt“. Leider sei auch während seiner neunmonatigen Expedition auf der Forschungsscholle „der Eindruck entstanden, dass wir nur Party gemacht haben“, sagt Graeser lächelnd. Das lag wohl am Weblog, den er für die Hamburger Wochenzeitung „Zeit“ geschrieben hat, in dem er eher die unterhaltsamen Aspekte des Arktisdaseins hevorgehoben hat.

Dabei war die Forschung dort harte Arbeit unter extremen Bedingungen: Minus vierzig Grad Eiseskälte, monatelange Dunkelheit, die Gesellschaft von Eisbären vor der Tür – und dann mussten die Messballons gestartet werden auf einer nur drei mal fünf Kilometer kleinen und teils nur 80 Zentimeter dicken Eisscholle irgendwo im Nichts am Pol. „Um uns herum brachen ständig die Schollen auf, und einmal mussten wir das komplette Haus eines Kollegen fortziehen, weil es einzubrechen drohte“, sagt Graeser.

Der gelernte technische Assistent für Meteorologie wird auch 2009 bei der nächsten Expedition auf der Driftstation Nordpol (NP36) wieder Kärrnerarbeit in Sachen Klimaschutz leisten. Mit dem rosaroten Fesselballon, genannt „Miss Piggy“, misst der Brandenburger Polarforscher Werte wie Luftdruck, Temperatur und Windgeschwindigkeit in bis zu 400 Metern Höhe. Die kleineren Ballone werden mitsamt der Ozonmessgeräte in bis zu 30 Kilometer Höhe geschickt. Und, was hat das Forscherteam herausgefunden? „Dass wir uns nicht zu früh aus dem Fenster lehnen dürfen mit Einschätzungen zur globalen Erwärmung, die Modellrechnungen weichen doch ein wenig von der Realität ab.“ Graeser hütet sich vor vorschnellen Äußerungen. Natürlich gebe es eine Erwärmung, sagt er, doch „Aussagen über eine Klimakatastrophe sind wilde Spekulationen, das ist doch eine Sache von Jahrzehnten, Jahrhunderten.“ Die Sorge darüber, dass der Golfstrom zum Erliegen kommen und eine neue Eiszeit in Nordeuropa auslösen könnte, teilt er nur bedingt. „Möglicherweise wird wegen der Erdrotation irgendwo ein neuer Strom fließen.“

Wird Brandenburg wegen der Erwärmung Steppe, versiegen die Quellen, vertrocknen die Seen? „Vielleicht wird die Erwärmung ja sogar durch die saubere Luft gestoppt“, sagt der Forscher, „wenn weniger Partikel in der Luft sind, schafft das eine schnellere Abkühlung der Atmosphäre.“ Aber zu Brandenburgs naher Zukunft will sich Graeser nicht festlegen. Die heißen Sommer der letzten Jahre hätten keine langfristige Aussagekraft. Und: Graesers Forschungen hätten bisher eher ergeben, dass die Klimaforschung noch keine eindeutigen Erkenntnisse habe. Vielmehr macht es dem Mann mit der Vorliebe für den Nordpol Spaß, auf Klimaphänomene hinzuweisen wie jenes, „dass sich hier, wo wir jetzt gerade sitzen, vor 10 000 Jahren noch Eis befand“. Das zeige, dass das Klima schon immer wechselhaft gewesen sei.

Wenn Jürgen Graeser nicht gerade friert und forscht, hört er gern Musik. Die Kollegen vom AWI werden ihm wohl auch für die nächste Expedition wieder einige Bücher und DVDs mitgeben – „obwohl ich gar keine Zeit hatte, da reinzugucken“, sagt er. Nicht nur im kleinen Lindenberg kennt ihn jetzt jeder. 360 Zeitungsartikel über den Brandenburger im Eis liegen in einem Band gebunden auf seinem Schreibtisch. „Selbst im neuesten Playboy ist ein Artikel über meine Forschungsarbeit drin“, sagt Graeser.

Im Eis vermisst er „eine schöne heiße Dusche“, in Lindenberg fehlt ihm dann manchmal wieder die Weite, die Wildnis. „Und als wir mit dem Flugzeug wieder von der Scholle abgeholt wurden, waren die Vorbereitungen für diesen Flug zwar ziemlich anstregend.“ Der Flug selbst aber sei ein einmaliges Erlebnis gewesen. „Echt cool“, sagt Graeser.

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