Klimapolitik : Mehr als heiße Luft: Prenzlau erhält ein Hybridkraftwerk

Dieser Termin dürfte der Naturwissenschaftlerin Angela Merkel gefallen: Am kommenden Dienstag reist die Bundeskanzlerin in die Uckermark, um den Grundstein für eine Weltneuheit zu legen. In Prenzlau soll ein Hybridkraftwerk errichtet werden, das den Einsatzbereich der erneuerbaren Energien stark erweitern könnte.

Stefan Jacobs

PrenzlauKonventionelle Windkraftanlagen, wie sie auch das Brandenburger Unternehmen Enertrag hundertfach betreibt, haben nicht nur bei Flaute ein Problem, sondern auch bei kräftigem Wind. Dann produzieren sie oft mehr Strom, als sich ins Netz einspeisen lässt. Weil sich der Windstrom nicht speichern lässt und sich die klimaschädlichen „Grundlastkraftwerke“, zumeist Kohlemeiler, nicht einfach herunterfahren lassen, muss der saubere Windstrom dann zum Spottpreis verkauft oder gar verschenkt werden.

Ein Teil dieses Problems lässt sich durch den Einsatz von Biomasse lösen, aber in Prenzlau geht Enertrag noch einen Schritt weiter: Die Anlage produziert auch Wasserstoff (H2), der bisher nur mit großem Einsatz konventioneller Energie gewonnen werden kann. In Prenzlau dagegen soll „Windwasserstoff“ produziert werden, der die Energie des Windes speichert. Später lässt er sich mit Biogas mischen und als Wärme- oder Stromquelle nutzen. Einen weiteren Teil des Gases nimmt der Ölkonzern Total für seine Wasserstofftankstellen ab.

Klaus Bonhoff, Geschäftsführer der zum Bundesverkehrsministerium gehörenden „Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ (NOW) verweist auf eine Studie, wonach der Wasserstoffbedarf künftig zum größten Teil aus Windenergie gedeckt werden sollte. Dass die bisher übliche H2-Herstellung aus Erdgas nicht ausreichen kann, zeigt eine weitere Prognose: Bis zum Jahr 2050 könnten 70 Prozent der deutschen Autoflotte mit Wasserstoff versorgt werden, sagt Bonhoff. Er erwarte, dass etwa ab 2020 ein Boom beginnen könnte – sofern die Autohersteller wie erwartet in die Technologie investieren. Bislang sind nur wenige Versuchsfahrzeuge unterwegs.

Bonhoff wird am Dienstag ebenfalls nach Prenzlau reisen. Auch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) und Mecklenburg-Vorpommerns stellvertretender Ministerpräsident Jürgen Seidel (CDU) werden erwartet.

Rund 21 Millionen Euro soll das Hybridkraftwerk kosten, das im nächsten Jahr in Betrieb gehen soll. Die Dimensionen sind zunächst bescheiden: Drei Windgeneratoren à zwei Megawatt beliefern das Kraftwerk. Folglich sind auch die Mengen des explosiven Wasserstoffs, die eingelagert werden müssen, zunächst überschaubar. Langfristig gelten laut Enertrag Gasspeicher als geeignete Aufbewahrung.

Dass die Politprominenz so zahlreich nach Prenzlau reist, zeigt die Bedeutung der erneuerbaren Energien für Brandenburg: Nach Auskunft des Potsdamer Umweltministeriums arbeiten in der märkischen Windbranche rund 3000 Menschen. Und die gut 400 Windräder von Enertrag produzieren nach Firmenangaben Strom für eine Million Menschen.

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