Klinikum Benjamin Franklin : Topmodern – auf drei Stationen

Medizinische Geräte auf dem Gang, bröselnde Fassade: Immer wieder vertagte Sanierungen zwingen das Klinikum Benjamin Franklin zu Provisorien.

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Ansprechbar. Die Station für Schlaganfallpatienten wurde vorbildlich saniert. Aber 17 Stationen warten auf den Umbau. -Foto: Uwe Steinert

Bildgebende Verfahren spielen in der modernen Medizin eine immer größere Rolle. Die zentrale Röntgenabteilung früherer Jahre gibt es in den Krankenhäusern zwar immer noch, aber unmittelbar am Operationstisch werden heute zusätzliche Geräte für die Durchleuchtung benötigt. Bei der minimalinvasiven Chirurgie sind es sogar ganze Gerätetürme, die es dem Operateur ermöglichen, mit Hilfe der bildgebenden Verfahren millimetergenau zu schneiden.

Etliche dieser Geräte werden im sechsten Obergeschoss des Klinikums Benjamin Franklin auf dem Gang geparkt und bei Bedarf an die Operationstische gerollt. Die OPs sind wie das gesamte Klinikumsgebäude in den 60er Jahren errichtet worden. Dass zusätzliche Fläche für die Medizintechnik von heute benötigt wird, war damals noch nicht vorstellbar.

Das Klinikum ist nach amerikanischer Konzeption gebaut worden, und noch heute sind die Ärzte davon überzeugt, dass die Zentralisierung der Operationssäle entlang eines Gangs im sechsten Obergeschoss rational ist, sagt der leitende Oberarzt für Anästhesiologie, Andreas Triltsch. Diese Meinung teilt er mit vielen Experten. Denn der Operationstrakt liegt wie alle Einrichtungen der zentralen Versorgung des Klinikums im Mitteltrakt und wird von zwei Bettenhäusern flankiert.

Dennoch hat diese zentrale Verbindungstrasse zwischen den Bettenhäusern, die den Zugang zu den 16 Operationssälen ermöglicht, einen Nachteil: Wenn Patienten von beiden Bettenhäusern gleichzeitig in die Operationssäle geschoben werden, können sie sich an den Engpässen stauen, an denen sich die abgestellten Geräte konzentrieren. Doch es gibt Sanierungspläne. Die Zahl der Operationssäle soll auf zwölf größere reduziert werden – und an einen Abstellraum für medizinische Geräte ist ebenfalls gedacht.

Die Sanierung eines Operationssaales wird mit 1,5 Millionen Euro veranschlagt, sagt Oberarzt Triltsch. Aber wegen der Finanzierungsengpässe des Landes Berlin ist erst ein Betrag von gerade einer Million Euro für das Klinikum Benjamin Franklin bereitgestellt worden. Mit dem Geld soll die Sanierung überhaupt erst einmal geplant werden. Über das endgültige Schicksal des Klinikums wird erst im Sommer oder Herbst dieses Jahres entschieden. Mehrere Senatsverwaltungen beraten zurzeit intern über eine gemeinsame Vorlage, die bis zur Sommerpause fertig sein soll.

Ist die Senatsposition geklärt, geht die Vorlage zunächst in den Aufsichtsrat der Charité und danach in den für Finanzentscheidungen zuständigen Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses. Ob dann der Evergreen Charité-Sanierung gelöst werden kann, bleibt eine offene Frage. Zur Debatte stehen 636 Millionen Euro für die noch offene Sanierung in Mitte und Steglitz. Diskutiert wird über die Sanierung der Charité seit der Wiedervereinigung. Dass nicht längst eine Lösung gefunden wurde, ist Negativbeispiel dafür, wie die Stadt Berlin mit einem ihrer Leuchttürme in der Wissenschaft umgeht.

Betten können sich in den Gängen zum OP stauen

Die Verantwortliche für die Bauplanung am Campus Benjamin Franklin der Charité, Ute Defèr, zieht einen einfachen Vergleich: Wenn ein 40 Jahre altes Privathaus saniert wird, müssen im Wesentlichen die elektrischen Leitungen, die Wasser- und Abwasserleitungen erneuert werden. In einem Großkrankenhaus wie dem Klinikum Benjamin Franklin kommt noch viel mehr dazu: Starkstromleitungen für die Versorgung von Großgeräten etwa, Rauchmelder und Rauchabzugskanäle, die von jeder Station bis zum Dach hochgezogen werden müssen.

Früher lagen die Krankenbetten einer Station rechts und links von einem langen Gang. Heute muss aus Sicherheitsgründen der Stationsgang mit Glastüren unterteilt werden, die rauchundurchlässig sind. Wird eine Bettenstation saniert, muss gleichzeitig eine noch nicht sanierte Station eine Etage tiefer ebenfalls aus der Krankenversorgung genommen werden, weil ein Großteil der Versorgungsleitungen etagenübergreifend angelegt wird.

Besonders aufwendig ist die Umstellung von Dreibettzimmern auf Zweibettzimmer, weil sie gleichzeitig mit dem Einbau von Duschen und Toiletten verbunden ist. In den veralteten Stationen des Klinikums sind Dreibettzimmer die Regel: Sie sind lediglich mit einem Waschbecken ausgestattet, das durch eine spanische Wand abgetrennt ist. Zentrale Duschen befinden sich außerhalb der Bettenräume am Gang, auch die Toiletten liegen außerhalb der Zimmer.

Die neuen Zweibettzimmer bieten auch sonst mehr Komfort: In den Patientenschränken gibt es Safes und einen gemeinsamen Kühlschrank. Aufenthaltsräume, die früher für mehrere Stationen angelegt und ständig überfüllt waren, sind jetzt in die renovierten Stationen integriert worden. Wegen der jahrzehntelang aufgeschobenen Sanierung wurden von 20 bettenführenden Stationen im Klinikum Benjamin Franklin allerdings erst eine Intensivstation und zwei Normalstationen für die Krankenpflege saniert.

Was für einen Qualitätsunterschied die Sanierung bringt, zeigt die intensivmedizinische Abteilung für Schlaganfallpatienten. Sie ist mit zwölf Betten ausgestattet und direkt über den Gang mit einem Kernspintomografen (MRT) verbunden. Zeitgewinn ist bei Schlaganfallpatienten entscheidend. Kürzere Wege, als sie am Klinikum Benjamin Franklin vom Patientenbett zu diesem für die Diagnose unentbehrlichen Großgerät ermöglicht wurden, sind nicht denkbar. 25 Millionen Euro hat diese Einrichtung gekostet. Würde das Klinikum Benjamin Franklin von der Charité getrennt, wäre das für die Berliner Universitätsmedizin eine Katastrophe, sagt Ute Defèr.

Unter einem neuen Träger müsste man sofort sanieren

Ein Trägerwechsel vom Universitätsklinikum zum städtischen Krankenhaus würde aus der Sicht von Ute Defèr keine Ersparnis bedeuten. Etliche Provisorien, die in dem Klinikumsbau aus den 60er Jahren geduldet werden, würden nicht mehr hingenommen werden. „Bei einem Trägerwechsel muss sofort gebaut werden“, sagt Defèr. Dies scheint von jenen Haushaltsexperten in den Parteien und in der Finanzverwaltung übersehen zu werden, die sich von einem Wechsel des Uniklinikums in den städtischen Vivantes-Konzern finanzielle Vorteile versprechen.

Es gibt indes noch weitere Bereiche, die sanierungsbedürftig sind: Die Fußbodenbeläge sind abgenutzt. Das Dach muss ausgebessert werden. Das vor die beiden Bettenhäuser gehängte Stahlbetonfachwerk beginnt zu bröseln. Schließlich ist auch der Beton über 40 Jahre alt. An der tragenden Statik des Klinikums dagegen sind nach Auskunft von Ute Defèr keine Schäden festzustellen.

Das Klinikum Benjamin Franklin ist mit der Geschichte Berlins aufs Engste verknüpft. West-Berlin brauchte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dringend ein modernes Krankenhaus. Die finanziellen Möglichkeiten erlaubten das nicht. So reiste der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt nach Washington und bat um Unterstützung durch die Amerikaner. Am 6. August 1958 fiel im amerikanischen Außenministerium in Washington die positive Entscheidung. Aber die Amerikaner wollten kein Bezirkskrankenhaus finanzieren, wie es die Deutschen wünschten, sondern ein modernes Universitätsklinikum, in dem möglichst viele Kliniken und medizinisch-theoretische Institute einschließlich der Laboratorien unter einem Dach zusammengeführt werden. Das war in Amerika „state of the art“. In Europa gab es damals nur in Stockholm ein vergleichbares Klinikum, jedoch ohne Unterrichts- und Forschungseinrichtungen.

In den Dokumenten findet sich die Aussage der amerikanischen Geldgeber, dass der zu errichtende Neubau zugleich als Kern „eines medizinischen Lehrzentrums für die Freie Universität“ zu dienen habe. Die amerikanische Benjamin-Franklin-Stiftung stellte einen zweistelligen Millionenbetrag zur Finanzierung des Klinikums zur Verfügung. Würde das Klinikum Benjamin Franklin heute durch Beschluss von Abgeordnetenhaus und Berliner Senat den Status eines Universitätsklinikums verlieren, wäre das auch ein Affront gegenüber den USA.

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