Der Tagesspiegel : Kluge Mädchen hauen ab

Fast 40 Prozent der 18- bis 20-jährigen Frauen sehen laut einer Studie keine Zukunft in Brandenburg

Thorsten Metzner

Potsdam - Weiterhin wollen erschreckend viele junge kluge Frauen das Land Brandenburg verlassen, weil sie in der Heimat schlechte Studien- und Berufschancen sehen. Das ist Ergebnis der bisher detailliertesten „Studie zur Lebenssituation von Frauen in Brandenburg“, die Sozialministerin Dagmar Ziegler (SPD) jetzt dem Kabinett vorstellte. Für die Studie, die vom Genderinstitut Sachsen-Anhalt und dem Potsdamer Politikberatungsbüro Competence Consulting im Auftrag des Sozialministeriums erstellt wurde, waren repräsentativ 1181 Brandenburger, darunter 608 Frauen befragt worden.

Davon äußerte insgesamt jeder Zehnte die Absicht, das Land zu verlassen. Bei Frauen liegt der Anteil aber am höchsten. Fast 40 Prozent der befragten 18- bis 20-jährigen Frauen und immer noch jede fünfte der befragten 20- bis 30-jährigen Frauen wollen in den nächsten zwei Jahren aus Brandenburg abwandern. Als einen Hauptgrund führt die Studie neben der schlechten betriebliche Ausbildungssituation vor allem das einseitige Profil der Brandenburger Hochschulen an. „Die Studienstruktur ist in Brandenburg vorrangig an Fächern ausgerichtet, die Männer interessieren“. Das gelte „vor allem für Südbrandenburg“, besonders für den Raum Cottbus.

Dabei haben junge Brandenburgerinnen eigentlich beste Voraussetzungen. Sie seien im Bundesvergleich „sehr bildungsbereit und mobil“. So ist Brandenburg mit einem Mädchenanteil von 57,3 Prozent an den Gymnasien und mit einer Abiturquote bei Mädchen von 41,2 Prozent bundesweit Spitze. Nur: „Brandenburgische junge Frauen können ihre großen Bildungserfolge nicht in eine angemessene Ausbildungs- und Studienbeteiligung in Brandenburg umsetzen und suchen deshalb häufig ... eine Perspektive außerhalb des Landes“.

Bei der generellen Lage von Frauen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Männer haben, unterscheidet sich Brandenburg kaum von anderen Ländern. Zwar ist die Erwerbsquote von Frauen durchaus hoch, was die Studie anerkennt. Trotzdem sind auch hierzulande mehr Frauen als Männer arbeitslos. 76,6 Prozent der Frauen in Brandenburg sind mit der Arbeitsmarktsituation unzufrieden, 58 Prozent mit der Bildungssituation. Zudem sind auch in Brandenburg Frauen „stärker als Männer von Armut gefährdet“, im strukturschwachen „Nordbrandenburg stärker als in Südbrandenburg“. 42 Prozent der Frauen (Männer: 39 Prozent) können zwar von ihrem Einkommen leben, „aber kein Geld sparen“.

Das Papier zeigt auch, wie weit die Regierung noch von dem von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) formulierten Ziel entfernt ist, Brandenburg zu einem der familienfreundlichsten Länder zu machen. So ist laut Studie das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes seit 1990 von 25,4 auf 29,7 Jahre gestiegen, was auf Probleme bei der Vereinbarung von Familie und Beruf sowie ökonomische Unsicherheiten zurückgeführt wird. „Nur in Großbritannien sind im europäischen Vergleich die Mütter älter als in Brandenburg“, heißt es.

Aus der Befragung geht außerdem hervor, dass die Unzufriedenheit der Frauen „signifikant“ zunimmt, je mehr Kinder sie bekommen. Mit der Unterstützung der Familien im Land sind 35 Prozent der Frauen (25 Prozent der Männer) unzufrieden. Thorsten Metzner

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