Köpenick : Grüner Genuss und braune Brühe

Köpenick wird heute 800 Jahre alt: Stefan Jacobs erzählt, was er an seinem Stadtteil mag und was ihn nervt.

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Ein Mann, ein Ort. Vor dem Köpenicker Rathaus erinnert ein Denkmal an den Schuster Wilhelm Voigt, der als „Hauptmann“ 1906 die...

DAUMEN HOCH

Die Lage: Wald bedeckt mehr als zwei Drittel von Köpenick, reinigt die Berliner Luft besser als jede Umweltzone. Er eröffnet unendliche Spaziermöglichkeiten und in Kombination mit Seen und Flüssen die Chance, das ganze Jahr über so zu wohnen, wie andere Urlaub machen.

Die Schlossinsel: Frisch renoviertes Barock mit Kunstgewerbemuseum, gelegen in einem von Wasser umspülten Park – das gibt’s sonst nur in Potsdam.

Friedrichshagen: Was 1753 mit Seidenraupenzüchtern und Baumwollspinnern begann, ist jetzt ein reizender Kiez entlang der flanierenswerten Bölschestraße. In der gibt’s originelle Läden, das erfolgreich wiederbelebte Kino Union und nette Cafés ohne Mitte-Schickeria.

Das FEZ: Der einstige Pionierpalast hat die Wende überlebt und bietet noch immer das beste Kinderprogramm weit und breit. Mit der Parkeisenbahn durch die Wuhlheide, mit der Theatergruppe zur Berühmtheit oder im ISS-Modul durch die Ferien? Alles ist möglich – und gut.

Der Seddinsee: Klar, der Müggelsee ist der größte. Aber wer Eisvögel (Vogel des Jahres 2009!) und Berlins einzige Seeadler aus der Nähe beobachten will, gleitet per Miet-Paddelboot zwischen Seerosen und dschungelhaften Inselchen entlang.

Die Uferbahn: Knapp vor dem Rotstift gerettet, fährt sie auch nach 97 Jahren weiter am Langen See entlang zwischen Grünau und Karolinenhof. Eine Art Ausflugsdampfer auf Schienen.

Rauchfangswerder: Die Halbinsel liegt derart j.w.d., dass sie auf Stadtplänen grundsätzlich abgeschnitten und als Beikarte in irgendeine Ecke verschoben wird. Dabei ist sie Köpenick im Konzentrat: von Wald und Wasser umgeben, gut situiert – und ein bisschen verschnarcht.

Der Luisenhain: Auf ein paar zusätzlich aufgeschütteten Quadratmetern Land ist am Ufer der Dahme eine wunderbare Promenade entstanden – mit mehr Platz für Flaneure und Cafébesucher.

Der 1. FC Union: Auf dem Sprung in die Zweite Liga und mit charmant ergrautem Stadion (wird von Fans zurzeit renoviert) schlägt sich der Klub wacker.

Die Parkbühne Wuhlheide: Das 2009er-Programm: Tanzen mit Peter Fox, Rocken mit Ärzte-Sänger Farin Urlaub, Kuscheln mit Katie Melua oder Feiern mit Rosenstolz. Da kann die Waldbühne in Charlottenburg in diesem Jahr nicht mithalten.

Das Allendeviertel: Inzwischen durchsaniert, ist und bleibt es das bestgelegene Plattenbauviertel der ganzen Stadt.

DAUMEN RUNTER

Die Lage: Mit der Bahn geht’s noch, aber mit Auto oder Bus kommt man nur über zwei Brücken Richtung Innenstadt. Dadurch ist der Stau in Köpenick nicht nur nervig, sondern ausweglos.

Die NPD-Parteizentrale: Ein Schandfleck, optisch und moralisch. Zwar ist es von außen nur ein schmuckloser 08/15-Altbau mit geschlossenen Rollläden und (meist) einem Polizeiauto davor. Aber es hat sich herumgesprochen, dass die Braunen in Köpenick ihren Führerbunker haben.

Ruinen in bester Lage: Ob Müggelturm, Grünauer „Riviera“, Industriegelände Spindlersfeld oder die Brachen entlang der Spree: Auch im 20. Jahr nach der Wende prägen ausgeräucherte Skelette die See- und Flussufer.

Die „Mittelpunktbibliothek“: Sie ist ganz neu, aber sieht innen alt aus: Einbauten aus dürren Faserplatten, Farben wie verdünnte Wassersuppe, kalter Fabrikhallencharme, strenger Geruch. Hier mag kein Bücherwurm verweilen.

Eutrophierung: Sichttiefe des Müggelsees im Winter: vier Meter. Sichttiefe, sobald er warm genug zum Baden ist: vom Knöchel bis zum großen Zeh. Der Nährstoffreichtum des Wassers färbt die Brühe grünbraun von Mai bis Oktober. So sitzt man bei 30 Grad schwitzend am Ufer, ekelt und ärgert sich.

Der Abschiebeknast: „Polizeigewahrsam Köpenick“ steht an der Tür, und die Tramhaltestelle heißt unschuldig „Rosenweg“. Aber wer hier ein- und aussteigt, besucht Angehörige, deren einziges Verbrechen meist war, illegal hier zu sein.

Oberschöneweide: Es sieht schon wieder besser aus, aber 30 000 Arbeitsplätze verschwinden eben nicht spurlos. Solange der gebeutelte Kiez nicht wieder auf die Beine kommt, wird Köpenick im Sozialstrukturatlas (also im Wohlstands- und Gesundheitsranking) ewig Zweiter bleiben. Prognose: 2020 zieht Köpenick an Zehlendorf vorbei!

Die Verkehrsplanung: Die rote Welle in der Müggelheimer Straße feiert demnächst ihr 20-Jähriges, die Tiefbaubehörden zwingen Radfahrer selbst bei neu gebauten Straßen weiter auf gefährlich schmale Gehwege, und in der Altstadt ist dank Labyrinth-Beschilderung vielleicht der Verkehr beruhigt, aber gewiss nicht der ortsunkundige Verkehrsteilnehmer.

Fluglärm: Nichts gegen eine brummende Jobmaschine, aber der Krach der Flugzeuge von Schönefeld stört jetzt schon. Wenn BBI erst fertig ist, werden es auch die Bewohner der südlichen Köpenicker Ortsteile sein.

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