Kolumne: Die halbe Wahrheit : Reisegruppen-Schweinegrippe

Nein, diese Kolumne ist wahrscheinlich nicht ansteckend.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Nein, diese Kolumne ist wahrscheinlich nicht ansteckend. Sie können ganz beruhigt weiterlesen. Obwohl – eine klitzekleine Möglichkeit besteht womöglich doch. Ich lebe nämlich mitten in Hostelhausen, dort also, wo die wilden Schweinegrippe-Reisegruppen wohnen.

Nur einen Steinwurf von meinem kärglichen Domizil entfernt liegt das hässliche Wombat’s Hostel. Dann gibt es noch das abgerockte Circus Hostel, das fiese Meininger City Hostel und das unscharfe Pfefferbett Hostel. Im Entstehungsprozess befinden sich momentan das Easy Hotel und eine weitere, mit Sicherheit besonders scheußliche Billigunterkunft am Rosenthaler Platz, deren Namen ich sofort wieder vergessen habe.

Ich meine es ernst: Die Hostelisierung Mittes muss ein Ende haben. Es reicht. Das Boot ist voll.

Nachts ziehen marodierende Banden durch meine Straße und pinkeln an die Haustür – sogar, wie ich beobachten musste, die Frauen. Gern springen sie auf parkende Autos und knicken Scheibenwischer ab. Oftmals übergeben sie sich dabei. Als ich noch versuchte, bei geöffnetem Fenster zu schlafen, erwachte ich regelmäßig von charakteristischen Würgegeräuschen – wobei ich im internationalen Vergleich festgestellt habe, dass ein junger Schwede zurückhaltender würgt als beispielsweise ein junger Spanier.

Jetzt muss ich bei geschlossenem Fenster schlafen. Das ist wirklich eine Höchststrafe für die wenigen Sünden, die ich begangen habe. Aber wenigstens gehört die Würgerei nicht zu der Symptomatik der Schweinegrippe, sondern ist nur die Konsequenz vorangegangener Alkoholexzesse.

Als wäre das nicht genug, stehen tagsüber an jeder Straßenecke Modeblogger aus aller Herren Länder mit ihren Digitalkameras. Ich kann es kaum abwarten, bis mich auch endlich mal jemand fotografiert. („Shorts: Vintage. Shirt: Zara. Handbag: Plus Supermarket.“) Aber natürlich fotografiert mich niemand, auch dann nicht, wenn ich in extra langsamer Zeitlupe vorbeilaufe. So schmerzhaft die Erkenntnis auch ist: Ich bin zu normal für Hostelhausen. Wäre ich ein Hostel, dann wäre ich die Jugendherberge an der Kluckstraße. Mit lauwarmem Hagebuttentee, nächtlicher Ausgangssperre und allem, was dazugehört.

Gestern habe ich mich mit einem Reisebus-Fahrer aus Holland in die Haare gekriegt. Er hatte sein monströses Vehikel vor unserem windschiefen Haus geparkt. Der Motor lief und lief und lief mit Mörderkrach und -gestank. Nach einer Stunde klopfte ich vorsichtig an die Tür. Der Reisebus-Fahrer öffnete sie gelangweilt.

„Ich kann den Motor unmöglich abstellen“, sagte er in seiner Muttersprache. „Wegen der Klimaanlage. Mir wird sonst heiß.“

Mit einem Pfffft schloss sich die Reisebus-Tür vor meiner Nase. Ich gebe zu, dass ich für einen Moment die Nerven verlor.

Abends entspannte ich mit meiner Freundin und einer kühlen Flasche Gewürztraminer auf ihrem Balkon im benachbarten Prenzlauer Berg.

„Stell dich mal nicht so an“, erwiderte sie unwirsch, als ich ihr mein Leid klagte. „Du willst doch in Wirklichkeit am liebsten selber sofort in Urlaub fahren. Du bist neidisch auf die jugendlichen Traveller. Sonst würdest du dich nicht so künstlich aufregen.“ Kleinlaut pflichtete ich ihr bei, wobei ich abstritt, ausgerechnet mit einem Reisebus wegfahren zu wollen. Wir stießen miteinander an und wechselten das Thema.

Nach einer Flasche Wein verließen wir ihre Wohnung, um in einer nahe gelegenen Bar nach dem Rechten zu sehen. Unterwegs stimmten wir kichernd ein Liedchen an. Jemand schrie von oben: „Ruhe, verdammt noch mal!“

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