Kolumne: Dr. WEWETZER : Weg der Weißheit

Hartmut Wewetzer

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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Viel Obst und Gemüse, wenig tierische Fette – so lautet die Kurzfassung der Formel für gesunde Ernährung. So knapp, dass die Milch zu kurz kommt. Dabei empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, jeden Tag Milch oder Milchprodukte zu sich zu nehmen. Die Ernährungswissenschaftler können sich nun bestätigt fühlen, denn dieser Tage sind gleich zwei Untersuchungen erschienen, die den gesundheitlichen Nutzen von Milch unterstreichen.

Studie Nummer eins führt sieben Jahrzehnte zurück. Von 1937 bis 1939 zeichneten Forscher die Ernährungsgewohnheiten von gut 1300 englischen und schottischen Familien auf und verfolgten dann den Lebensweg von fast 4400 Kindern aus diesen Familien. Es stellte sich heraus, dass die Kinder, die viel Milch tranken oder andere Erzeugnisse aus dem weißen Stoff aßen, wie etwa Quark, eine gesteigerte Lebenserwartung hatten. Die Gefahr, am Schlaganfall zu sterben, war um bis zu 60 Prozent geringer.

Studie Nummer zwei schlägt einen weiten Bogen. Insgesamt 324 Untersuchungen hat Peter Elwood von der Universität Cardiff ausgewertet, in denen es um Milch und ihren Einfluss auf Herzkrankheiten, Schlaganfall oder die Zuckerkrankheit Diabetes ging. Es blieben 15 große Studien mit insgesamt mehr als 600 000 Teilnehmern übrig, die die Erwartungen von Elwood erfüllten. Milch-Vieltrinker hatten ein um 16 Prozent geringeres Risiko für Herzkrankheiten als Milchmuffel, die Schlaganfall-Gefahr war um ein Fünftel gesenkt und die von Diabetes um acht Prozent.

Elwood ist folgerichtig Milch-Fan. „Betrachtet man die Zahl der Todesfälle durch die koronare Herzkrankheit, Schlaganfall oder Darmkrebs, dann gibt es deutliche Hinweise darauf, dass das Sterberisiko durch diese chronischen Krankheiten mit Milchtrinken verringert werden kann“, sagt er. „Der Milchkonsum westlicher Gesellschaften dürfte deren Überleben verbessert haben.“

Jetzt muss ich etwas Wasser in die Milch schütten. Denn die Studien genügen leider nicht höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen. Die Ernährungsprotokolle aus der Erinnerung sind fehleranfällig. Wie viel und welche Milch wurde getrunken, wie sieht es mit Käse, Jogurt und Sahne aus? Außerdem können andere Einflüsse des Lebensstils – etwa Bewegungsarmut, Rauchen, Alkoholkonsum – das Ergebnis verfälschen.

Der letzte Beweis ist also noch nicht erbracht. Trotzdem ist Milch natürlich ein empfehlenswertes Lebensmittel, auch wegen ihres hohen Eiweiß- und Kalziumgehalts. „Kinder, die Milch statt Cola trinken, sind deutlich besser dran“, fasst der Charité-Ernährungsexperte Andreas Pfeiffer zusammen. Und Erwachsene ebenso, möchte man hinzufügen.

Ein Problem ist der hohe Anteil gesättigter Fettsäuren. Deshalb sollte man fettarmer Milch den Vorzug geben und sich bei Butter zurückhalten. Denn die gesättigten Fette kurbeln die Cholesterinproduktion in der Leber an, was wiederum das Risiko für Gefäßleiden erhöht. Damit würde man im ungünstigsten Fall den Nutzen der Milch wieder aufheben.

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