KOMMENTAR : Auf der Suche nach Anschluss

Claus-Dieter Steyer über Nahverkehr in Berlin und Brandenburg

Claus-Dieter Steyer

Die Zahl mag angesichts der vielen Streckenstilllegungen in den vergangenen Jahren überraschen: 87 Prozent der touristischen Ziele Brandenburgs sind weiterhin mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Das haben die Industrie- und Handelskammern herausgefunden. Doch der Teufel steckt wie so oft bei solchen Statistiken im Detail. Denn jeder Ausflügler hat garantiert schon verzweifelt Fahrpläne studiert, Internetseiten von Busunternehmen gesucht oder mit Hotels und Touristeninformationen wenig ersprießliche Gespräche über die mögliche An- und Abreise geführt. Wenn sich dann herausstellt, dass das gewünschte Ziel nur mit drei- oder viermaligem Umsteigen und obendrein an Wochenenden und Feiertagen zu höchst unpassenden Zeiten zu schaffen ist, schwindet die Lust, sich dorthin zu begeben. Ausflugs- oder Reisepläne werden hinfällig. Im besten Fall führt der Weg zum Autoverleiher, oder man fragt Freunde, ob sie einem mal das Auto borgen. Aber meistens bleiben die Interessenten dann einfach zu Hause. Nur neun Prozent der Touristen, so die Erfahrung, kommen tatsächlich mit Bus und Bahn nach Brandenburg.

Nun mag sich daraus auf den ersten Blick für die Branche keine Gefahr ergeben. Andere Bundesländer kommen schließlich noch auf viel niedrigere Werte, beispielsweise das benachbarte Mecklenburg-Vorpommern. Doch Brandenburgs Lage ist einmalig, buchstäblich sogar. Von Berlin inmitten der Mark hängt das Wohl und Wehe der Hoteliers, Gastronomen, Thermalbäder, Freizeitparks und Kulturstätten entscheidend ab. 39 Millionen der auf 105 Millionen geschätzten Tagesbesucher kommen aus der Hauptstadt. Auch bei den Hotelübernachtungen dürften die Berliner zwei Drittel des Umsatzes ausmachen.

Ob sie aber auch künftig in diesem hohen Maße zu den zuverlässigen und zahlungskräftigen Kunden gehören werden, ist zumindest fraglich. Das hängt weniger mit der unsicheren Einkommenssituation zusammen, als mit einem berlintypischen Phänomen: Die Zahl der Haushalte mit eigenem Fahrzeug sinkt dramatisch. Schätzungen über den „Motorisierungsgrad“ der Berliner schwanken zwischen 35 und 50 Prozent, während im Flächenland Brandenburg 82 Prozent aller Haushalte einen fahrbaren Untersatz besitzen. Doch die können den eigenen Tourismus natürlich nicht retten.

Schon allein deshalb müsste Brandenburg alles daran setzen, den Nahverkehr gerade an Wochenenden attraktiv zu machen. Das neue Seniorenticket, das in ganz Berlin und Brandenburg gilt, würde sonst beispielsweise weniger genutzt. Vielleicht sollte sogar das Konjunkturprogramm bemüht werden. Die Berliner – und auch ihre Brandenburger Gastgeber würde es auf jeden Fall freuen, wenn sie besser Anschluss finden würden.

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