Kommentar : Städte mit Kern und Charakter

Claus-Dieter Steyer

Der hohe Stapel an Einladungen spricht für sich. 100 Karten aus ganz Brandenburg füllen den Karton auf dem Schreibtisch. An den jeweiligen Orten spielte sich immer wieder das gleiche Ritual ab: Musik, Reden, Durchschneiden eines roten Bandes, Öffnung für das interessierte Publikum. Seit genau zehn Jahren gibt es in brandenburgischen Orten eine Feier zum „Denkmal des Monats“. Die Gebäude waren zuvor jeweils mit viel Aufwand restauriert worden. Und nun auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin hat es die Werbeaktion auf die Gewinnerliste des Brandenburgischen Tourismuspreises geschafft.

Hinter der Erfolgsgeschichte steht die 1992 gegründete Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“. 31 ganz unterschiedliche Orte wie Angermünde, Wittstock, Neuruppin, Treuenbrietzen oder Ziesar werben gemeinsam um öffentliche und private Gelder zur Rettung der alten und für den Ruf der Städte so wichtigen Bauten. Vielerorts sind Fachwerkhäuser wieder zu erkennen, Kirchen nicht mehr einsturzgefährdet, Stadtmauern repariert und gemütliche Gaststuben in alte Gemäuer eingezogen.

Dabei hätte vor einigen Jahren der Vorschlag eines Ausflugs in eine der kleineren Städte noch Kopfschütteln ausgelöst. Die DDR-Wohnungspolitik hatte eben die Stadtzentren vernachlässigt und stattdessen auf billigere und schnell gebaute Plattenbauten an den Rändern gesetzt.

Zum Glück setzte nach der Wiedervereinigung ein Umdenken ein, das wesentlich von der Städte-Arbeitsgemeinschaft befördert wurde: Nicht die Sanierung der Plattenbauten, sondern die der Innenstädte genoss die Priorität. Das hört sich heute einfacher an, als es war. Die Suche nach Alteigentümern, Spekulationen auf hohe Immobilienpreise, Korruption und Unerfahrenheit in den Rathäusern und die mit der massenhaften Schließung von Betrieben verbundene Abwanderung führten zu Zeitverzögerungen.

Auch heute ist im Durchschnitt erst die Hälfte der Programme geschafft. Aber gerade das macht den Reiz der Ausflüge in diese alten Städte aus. Man erlebt bei den Feiern am „Denkmal des Monats“ oder danach die Freude und den Stolz der Einwohner über die Rettung eines weiteren Gebäudes hautnah mit.

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