Konstantin-Ausstellung : Des Kaisers neue Zeichen

Der Mann, der die Macht erfand: Trier widmet dem Imperator Konstantin eine großartige Ausstellung.

Christiane Peitz
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Marmorkopie des römischen Konstantin-Kopfes.Foto: dpa

Warum gucken bloß alle nach oben? Für den Betrachter von heute nehmen sich die Kaiserporträts, mit Verlaub, recht dämlich aus. In Trier sind sie in Hülle und Fülle zu sehen: Konstantin, seine Vorgänger, seine Mit- und Gegenkaiser. Allein der drei Meter hohe kolossale Kopf des Imperators aus Rom, den das Rheinische Landesmuseum als Kopie in Originalgröße aus Carrara-Marmor präsentiert: schielender Blick gen Himmel, zum Stirnkranz geordnete Locken, flächiges Gesicht, markante Nase, gekerbtes Kinn.

Näher, mein Gott zu dir. So sah es aus, das offizielle Konstantinbild, das die vom schnöden Erdenleben distanzierte Position des Herrschers verdeutlichen sollte. Kaiserbüsten gehorchten einer kodifzierten Bildsprache, inklusive des Blicks, der sich der höheren Weihen für die eigene Autorität versicherte: Machtmarketing im Mittelalter. Vorher, in den Zeiten der römischen Reichskrise und Mehrfrontenkriege, die Diokletian mit der Tetrarchie, der Mehrkaiserei zu beenden suchte – heute nennt man sowas G 8 – meißelte man den Regenten noch kriegerische Physiognomien ins Gesicht. Stoppelbärtige Profile demonstrierten militärische Eignung.

Bis Konstantin kam und die Idee des Imperialismus: Ein Gott, ein Reich, ein Kaiser – Autokratie als der bessere Krisenstab. Dabei begann der 275 geborene Serbe seine Karriere als Soldatenkaiser: 306 von den eigenen Truppen im britischen York zum Kaiser ernannt, bezwang er seinen Schwager Maxentius 312 in der Schlacht an der Milvischen Brücke in Rom. Allerdings, das gab es noch nie, mit der Bibel im Marschgepäck. „In hoc signo vinces“: Nach einer angeblichen Kreuzesvision ließ Konstantin über Nacht Feldzeichen mit dem Christogramm anfertigen und führte sie gegen den Rivalen ins Feld. Die propagandistische Legende von der Helfergottheit begründete den Siegeszug des bisher verfolgten Christentums über die heidnische Götterverehrung. Wer denkt da nicht an die Gotteskrieger und Kreuzzügler von heute.

Der Mann, der die Macht erfand und Politik machte mit der Religion: Die drei großen Museen in Trier – das Landes-, das Dom- und das Stadtmuseum Simeonstift – widmen dem römischen Kaiser (im Rahmen der Kulturhauptstadt-Aktivitäten der Großregion Luxemburg) die bislang umfangreichste Ausstellung über jenes turbulente Wende-Jahrhundert. Konstantin installierte den Sonntag und Weihnachten im Kalender, als symptomatische Neuerungen für den epochalen Umschlag von der Christen- zur Heidenverfolgung. Die frühe, unterdrückte Kirche unterdrückt bald ihrerseits die Vielgötterei. Paradoxerweise legte Konstantin für beides den Grundstein: für eine friedliche Koexistenz der Religionen ebenso wie für die Kriminalgeschichte des Christentums. Er war der erste, der sowohl die Toleranz als auch den Monotheismus clever in den machtpolitischen Dienst nahm.

Mehr als 1400 Exponate veranschaulichen diese Gemengelage einer globalisierten, multikulturellen, hellenistisch-römisch-christlichen Ära. Man gerät schnell ins Schwärmen ob der Prunkstücke aus den großen Museen der Welt, den juwelenbesetzten Paradehelmen, dem hauchzarten Reiter-Kameo aus Belgrad mit dem grimmigen Krieger aus Sardonyx, der glockenförmigen Fisch-Glasvase mit dem großmäuligen Meeresgetier, den Moselweingefäßen mit den derben Sprüchen („Trink mich aus!“) oder – ein Höhepunkt der Schau – die prächtigen Münzmedaillons mit Konstantin-Konterfei und durchbrochenem, Reliefbüsten-besetztem Goldkranz. Weltweit gibt es fünf dieser kostbaren Münzschmuckstücke, in Trier sind drei davon erstmals vereint, aus Paris, London und Dumbarton Oaks.

In der Moselstadt residierte Konstantin zehn Jahre, hier soll er vor exakt 1700 Jahren Fausta geheiratet haben, Maxentius’ Schwester. Wahrscheinlich stammt das bedeutendste Exponat des Dommuseums, das farbenfrohe Deckenmosaik einer Nimbus-umstrahlten, von Philosophen und Eroten umgebenen Schönen aus ihrem Trierer Palast – der bald Konstantins Kirchenbau-Gigantomanie weichen musste. Und die Altstadt rund um die jetzigen Ausstellungsstätten wird zum Freilichtmuseum: Am Dom finden sich die Außenmauern der Urbasilika, ein paar Schritte weiter stößt man auf die roten Ziegelreste der Audienzaula des Kaisers: Die Originalhalle wurde unter den Preußen als protestantische Kirche rekonstruiert.

Zum Glück sind die Kuratoren, der Bonner Archäologe Josef Engemann und der Berliner Althistoriker Alexander Demandt (der gestern seinen 70. Geburtstag feierte) Konstantin nicht auf den Leim gegangen. Weder verklären sie ihn zum frommen Religionssstifter, der sich auf dem Sterbebett taufen ließ, noch verteufeln sie ihn als blutigen Tyrannen, der im Machtkampf die Ehefrau und Sohn Crispus ermorden ließ. Schön inszeniert: der Saal fürs Familientreffen mit einer auf dem Canapee hingegossenen Helena aus Rom und der lieblichen Fausta aus dem Louvre, mit Vätern, Gatten und Kindern in virtueller Harmonie vereint.

Die letzte Ausstellungs-Station im Stadtmuseum Simeonstift illustriert – mit Lust am Lügengespinst – die Konstantin-Mythen. Die Selbstdarstellung als Sonnengottanbeter auf dem Konstantinsbogen in Rom (hier als Korkmodell aus dem 18. Jahrhundert). Ein nach Raffael gefertigtes zauberhaftes Elfenbein-Wimmelrelief von der Schlacht an der Milvischen Brücke. Oder die gefälschten Urkunden der „Konstantinischen Schenkung“ (mit der die Päpste um 900 ihre weltliche Herrschaft legitimierten) und die volkstümliche Heiligenverehrung auf Votivbildern aus Sardinien oder Ikonen der Ostkirche.

Wie alles anfing und noch nicht voneinander geschieden war. Das ist die aufregendste Entdeckung für Ausstellungsbesucher. Die griechischen Buchstaben Chi und Rho, verdreht und verschränkt: fertig ist das Christuszeichen, das zentrale Logo der Macht für Ringe, Münzen und Waffen. So schreibt man sich in die Geschichte ein.

Oder der Kirchenbau. Vor Konstantin traf man sich in Hauskirchen, nun sollten imposante Versammlungsräume her. Bloß wie bauen? Da sich die Hallenarchitektur der Marktbasiliken und Aulen am besten für den liturgischen Zweck eignete, basiert der Kirchenbau bis heute auf diversen Basilika-Typen: mehrschiffig, mit Umgang oder mit Chor. Das Dommuseum versammelt die Modelle sämtlicher Konstantin-Kirchen: die Trierer Gotteshäuser, die Geburtskirche in Bethlehem, die Grabeskirche in Jerusalem oder die Lateransbasilika in Rom.

Umnutzung überall. Der Kaiser ist tot, es lebe der nächste: Porträtbüsten wurden kurzerhand umgemeißelt. Auch die Götter changierten: Gottvater, der Adam und Eva kreiert, sieht Prometheus’ Schöpfung des Menschen aus Lehm verblüffend ähnlich. Und Jonas, der nach seinem WalAbenteuer im Kürbishain schläft, verschränkt die Beine genauso entspannt wie Dionysos unter dem Weinlaub. Noch ein Ausstellungs-Highlight: die Relief-Sarkophage aus Arles und Berlin, auf denen heidnische Bildvokabeln umgehend christianisiert wurden. Und der Projectakasten, eine silberne Schmuckschatulle aus dem Esquilinschatz des British Museum, vereint Aphrodite mit Venus und den Wunsch, das Brautpaar möge in Christus glücklich werden. Der Clash der Kulturen: ein inspirierender Funkenschlag. Man kann sich nicht sattsehen daran.

Der Traum von solchem VielgötterGlück ist leider rasch ausgeträumt: 381 verbietet Theodosius heidnische Kulte und etabliert die katholische Reichskirche. Da ist Konstantin schon 44 Jahre Jahre tot. Sein Reich, das Imperium Romanum Christianum, erlischt erst 1806.

Bis 2. November. In Trier im Rheinischen Landesmuseum, Diözesanmuseum, Stadtmuseum Simeonstift. Katalog (Zabern, Mainz): 34, 90 €. Informationen unter www.konstantin-ausstellung.de