Der Tagesspiegel : Konversion in Brandenburg: Als das Land um acht Prozent wuchs

Claus-Dieter Steyer

Die Statistik vermerkt sie nur trocken und sachlich: "Bei der Auflösung des russischen Militäroberkommandos Wünsdorf am 31. August 1994 wurden auch 404 Katzen, 25 Hunde, eine Ziege und ein Mufflon gefunden." Diese Tiere konnten von den Offizieren und Soldaten nicht mit in die Heimat genommen werden und blieben so ihrem Schicksal überlassen. Doch das nahm nach nur einigen Tagen der Ungewissheit eine günstige Wende: Der Berliner Katzenschutzverein und andere Tierschützer nahmen sich der herrenlosen Geschöpfe an und vermittelten sie in neue Hände.

Auf der am Donnerstag in Bernau eröffneten Ausstellung über die Konversion in Brandenburg geht diese Begebenheit in der Fülle des Zahlenmaterials fast unter. Schließlich gehörten bei der Gründung des Landes Brandenburg nach der Wende rund acht Prozent des Territoriums den Militärs. Auf 240 000 Hektar hatten sich die NVA, die Grenztruppen und vor allem die russischen Streitkräfte ausgebreitet. Wegen der Nähe zu Berlin konzentrierte das Oberkommando im Umland der Großstadt rund die Hälfte seiner insgesamt 546 000 Soldaten und Zivilbeschäftigten in Ostdeutschland. 1992, als die ersten Garnisonen geräumt waren, startete das in Deutschland beispiellose "Programm der Konversion". Die entsprechende Landtagsdrucksache erklärt den Begriff nüchtern: "Konversion ist der Prozess der Umwandlung militärisch genutzter Ressourcen und Strukturen für zivile Zwecke". Es könnte auch einfacher gesagt werden: Was die Soldaten nicht mehr brauchen, wird abgerissen, umgebaut oder der Natur überlassen. 1,5 Milliarden Mark sind dafür in den vergangenen acht Jahren von der EU, dem Bund, Land und den Kommunen ausgegeben worden. Private Investoren brachten noch einmal die gleiche Summe auf. Doch noch ist erst rund ein Drittel des Programms geschafft.

Die Ausstellung im Bernauer Ratssaal dokumentiert anhand von Bildern, Dokumenten und Statistiken die beispiellosen Veränderungen. Die fast 100 Jahre militärisch genutzte Waldstadt Wünsdorf beispielsweise beherbergte bis 1994 rund 35 000 russische Soldaten, Offiziere und Familienangehörige. Jetzt wohnen in rekonstruierten und neuen Häusern 2100 Menschen, 4000 sollen in den nächsten sechs Jahren noch dazukommen. Nur die alten Luftschutzbunker - im Volksmund "Betonzigarren" genannt - erinnern zwischen hellen Häuserfassaden noch an die militärische Vergangenheit. Für 1000 Landesbedienstete entstanden in früheren Kasernen Arbeitsplätze. Im ganzen Land Brandenburg wurden rund 18 000 ehemals von den russischen Truppen genutzte Wohnungen saniert.

Viele militärische Hinterlassenschaften sind schon verschwunden und tauchen wie die Wünsdorfer Katzen und Hunde nur noch in Statistiken auf. Dabei war die Ausgangslage schier überwältigend: Die Soldaten mit dem Stern an der Mütze nutzten in Brandenburg unter anderem 83 Kasernen, 89 Wohngebiete, 19 Flugplätze, 45 Truppenübungsplätze, 36 Radarstationen, 22 Bunker und elf Tanklager. Viele Gegenden sind wegen der im Boden vermuteten Munition und Schadstoffe nach wie vor gesperrt. Andere Orte nutzen Luftschiffbauer, Gewerbetreibende, Künstler, Restauratoren, zivile Flugplatzbetreiber - oder Tierschutzverbäde.

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