Konzert : Grönemeyer: "Ich sag dir, was du willst"

Herbert Grönemeyer ackert sich im Olympiastadion durch sein Gesamtwerk und ist dabei wie er ist - lauter als das Leben.

Kai Müller
herbert Grönemeyer Foto: Davids/ Wuestenhagen
Herbert Grönemeyer bei seinem Konzert im Berliner Olympiastadion. -Foto: Davids/ Wuestenhagen

Kleine Männer sind von der Geschichte oft begünstigt. Napoleon-Effekt könnte man dieses Phänomen nennen, das Personen, die ihrer Physis Wesen nach eigentlich übersehen werden müssten, eine frappierende Selbstvergrößerung gewährt. Mit Temperament allein ist diese Aufblähung nicht zu erklären. Napoleon hatte immerhin ein Pferd, das ihn größer erscheinen ließ. Herbert Grönemeyer hat das leider nicht. Obwohl er es brauchen könnte im Berliner Olympiastadion, wo man dem Volkstribun der deutschen Popmusik eine gigantische Bühne hingestellt hat (Design: Anton Corbijn). Über einen schmalen Steg kann er direkt unter die Seinen laufen, die an diesem lauen Sommerabend an die 65.000 zählen. Er macht ausgiebig Gebrauch von dem ins Meer wippender, wogender, Arme wiegender Menschen sich erstreckenden Laufband. Aber das emsige Herumhasten des Sängers hat auf Dauer etwas Ermüdendes.

Elegant ist Grönemeyer nie gewesen, wie überhaupt die augenfälligen Schwächen dieses nach eigenem Bekunden "manischen Sängers“ seine Vorzüge stets zu überdecken drohten. Seine Karriere hat das nur beflügelt. Denn er steht wie niemand sonst für die deutschen Unzulänglichkeiten, die er nicht mal überspielt. Er kann nicht tanzen, obwohl ihm der Beat selbst eingefallen ist, Singen kann er auch nicht – geschenkt. Dass er über 16 Millionen Platten verkauft hat, setzt seinen Mangel an Geschmeidigkeit, Coolness und Stimme automatisch ins Recht. Aber macht das die Sache besser? Der jubelnden Arena tritt Grönemeyer unverhohlen als Angeber entgegen. "Leb in meiner Welt“ lautet das Auftaktstück, "Lied 6“ seines kürzlich erschienenen Albums "12“, das er nur geschrieben haben will, um genau das hier zu erleben. Die Ballade macht sich die Unsicherheit von jemandem zu eigen, der sagt: Jetzt rede ich und "sag dir, was du willst“. Aber sie zeigt auch, wie stark der Grönemeyersche Behauptungsdurst seine Energie aus pedantischen Wurzeln zieht.

Das Singen kann er den Zuschauern überlassen

In einer Bochumer Lokalzeitung war in Vorbereitung des dortigen Grönemeyer-Heimspiels zu lesen, dass seine Ansagen immer klängen, als würde man vom Spieß gelobt: Kopf hoch! Tanzen! In Berlin, das er als zweite Heimat begreift, hört sich der schnarrende Kommandoton nur deshalb sympathischer an, weil die Stimme nach der Hälfte seiner Konzerttournee doch schon arg ramponiert ist. Schickkksaaaaale, Löööööben n’Tod, bratzt es aus ihm heraus. Da klingt er dann wie eine schlechte Karikatur seiner selbst. Als er mit "Musik, nur wenn sie laut ist“ den ersten emotionalen Höhepunkt ansteuert, ist das Original kaum wiederzuerkennen, die Melodie abgewetzt und die Band in verbissener Kraftmeierei gefangen.

Das Singen kann Grönemeyer freilich den Versammelten überlassen. Immer wieder stellen sie ihre Texttreue unter Beweis, was den Phantomschmerz mehrerer Generationen anzeigt, die in der Schule keine Gedichte mehr haben auswendig lernen müssen. Aber einer wie der Herbert, lässt sich natürlich die Arbeit nicht abnehmen. Umso mehr, da er sein Oeuvre nach Art eines Zauberwürfels arrangiert. Virtuos konterkariert er mit jedem neuen Song, was er an Gefühlen zuvor ins weite Rund gestreut hat. Auf die Liebeserklärung an die heruntergekommene Ruhrpott-Metropole ("Bochum“), folgt "Alkohol“ als veritables Trinkerglück, dass einen all das Elend im Revier und sonst wo vergessen lässt. Doch war diese Säuferhymne immer schon zu sehr der Volksseele entliehen, um von Grönemeyer selbst zu handeln. Näher liegt ihm die Bewusstseinsarbeit. "Ich versteh nur, was ich seh“, lautet sein Intellektuellen- feindliches Credo, als könne man die Welt allen Ernstes empirisch erfühlen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Grönemeyer ist wie er ist - lauter als das Leben

Aber genau das denkt wohl einer, der in Afrika sein Damaskus-Erlebnis hatte, als er die bittere Armut dieses Kontinents zum ersten Mal mit eigenen Augen sah und nun die (wohlhabendere) Welt moralisch für die eigene Blasiertheit einspannt. "Marlene“ soll das besorgen. Der neue Song unterstreicht Grönemeyers gespreiztes Bemühen, indem er schildert, wie eine Frau Aids nur deshalb überlebt, weil ihr Mann die ihm zugeteilte Medikamentendosis an sie abtritt. Das Lied ist ein sentimentaler Nachruf – und komplett folgenlos. Weiß der Teufel, warum Grönemeyer als nächstes "Ohne Dich“ spielt, ein Hass-Lied auf den Ex-Geliebten ("es ist so gut ohne dich“)?

Die Zeit des Trauerns ist für Grönemeyer vorbei. Seine Musik wird nicht mehr von melancholischem Trübsinn getränkt. Mag sie auch fest im Klangkorsett eines rumpelnden Achtziger-Jahre-Pop verankert sein, hier ist ein Sänger, der eben ist, wie er ist. Lauter als das Leben.