Krawalle in Frankreich : Der Bruch mit dem Gestern

Die Lage in Frankreich ist explosiv: Die Berufung von Einwandererkindern, die Karriere gemacht haben, in das Kabinett durch den französischen Präsidenten Sarkozy hat lediglich Symbolwert. Sarkozy, der noch 2005 über das "Gesindel" in den Vorstädten herzog, muss echte Taten folgen lassen.

Ein Kommentar von Albrecht Meier

Sie heißen Rachida Dati, Rama Yade oder Fadela Amara. Sie sind Kinder von Einwanderern und haben in Frankreich Karriere gemacht. Bis ins Kabinett des französischen Premierministers François Fillon haben sie es geschafft, als Justizministerin oder als Staatssekretärinnen. Und dann gibt es diejenigen, die es nicht geschafft haben – nicht ins Kabinett, nicht in einen Job, manchmal nicht einmal bis zum Schulabschluss.

Wenn solche Jugendlichen in diesen Tagen Fernsehinterviews geben, dann verbergen sie häufig ihre Gesichter. Sie wollen unerkannt bleiben, wenn sie von ihrem Leben in Villiers-le-Bel, Goussainville und den anderen Vorstädten berichten, in denen jetzt wieder Jugendkrawalle aufgeflammt sind. Und sie wollen ein bisschen mitzündeln, zumindest verbal. Es scheint die einzige Chance zu sein, dass ihnen die Öffentlichkeit etwas Aufmerksamkeit schenkt. Die Lage ist explosiv. Neuerdings werfen die zornigen jungen Männer aus den Vorstädten nicht nur Molotow-Cocktails, sondern schießen auf Polizisten.

Am Sonntag waren ein 15-Jähriger und ein 16-Jähriger in dem Pariser Vorort Villiers-le-Bel gestorben, als sie auf ihrem Geländemotorrad mit einem Streifenwagen zusammenstießen. Nach ersten Erkenntnissen hatten sie dem Polizeiwagen die Vorfahrt genommen. Details dürften aber die wenigsten Krawallmacher interessieren. Sie hatten nur nach einem Anlass gesucht, um die tagtäglichen Konflikte mit der Polizei eskalieren zu lassen. Noch ist unklar, ob die Krawalle nun abebben oder ob die Jugendlichen, beflügelt von einer breiten TV-Berichterstattung, auch in den kommenden Nächten Frankreichs Vorstädte unsicher machen. Sicher ist hingegen, dass Nicolas Sarkozy vor einer neuen Bewährungsprobe steht.

Für den französischen Präsidenten ist die Situation heikel. Schließlich war er es, der im Jahr 2005 ankündigte, die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger vom „Gesindel“ zu befreien. Damit trug Sarkozy auch seinen Teil dazu bei, dass die Unruhen in den französischen Banlieues vor zwei Jahren erst nach drei Wochen ein Ende fanden. Sarkozy war damals Innenminister, zu diesem Zeitpunkt erwarb er sich seinen Ruf als Hardliner. Er hat sich dieses Image nicht umsonst zugelegt – es half ihm, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Aber kaum hatte er das Elysée erobert, ging die Metamorphose auch schon weiter: Aus Sarkozy, dem Hardliner, wurde Sarkozy, der allgegenwärtige Präsident. Keiner Herausforderung will sich der neue Staatschef verschließen, und wenn Menschen irgendwo in Frankreich unzufrieden sind, dann ist er bei ihnen: Bei den Fischern in der Bretagne, die wegen steigender Treibstoffkosten meutern. Bei den Eisenbahnern, die für ihre Rentenprivilegien streiken. Und jetzt bei den Vergessenen aus den Vorstädten?

Tatsächlich scheint Sarkozy seine Lektion aus dem Krawallherbst des Jahres 2005 gelernt zu haben. Er zieht nicht mehr über „Gesindel“ in den Vororten her, sondern sucht den Ausgleich. So sind zumindest die Gesten zu verstehen, um die sich der Präsident unmittelbar nach der Rückkehr von seiner China-Reise bemühte. Sarkozy besuchte nicht nur einen schwer verletzten Polizisten, sondern lud auch die Eltern der getöteten Jugendlichen aus Villiers-le-Bel in den Elysée-Palast ein. Doch das kann nur der Anfang sein. Sarkozy wäre gut beraten, wenn er den symbolträchtigen Berufungen der Einwandererkinder Dati, Yade und Amara in sein Kabinett nun echte Taten folgen lassen würde.

Noch als Innenminister dachte Sarkozy laut darüber nach, ob man nicht Frankreichs Unternehmen nach angelsächsischem Vorbild dazu verpflichten könnte, Quoten zur Einstellung von Jobsuchenden aus unterschiedlichen Einwanderergruppen einzuführen. Es mag sein, dass sich solche Quoten schlecht mit dem republikanischen Gleichheitsideal vertragen. Andererseits ist Sarkozy mit dem Anspruch angetreten, mit dem monarchistischen Stil seines Vorgängers Jacques Chirac zu brechen. Quoten zur Beschäftigung benachteiligter Einwandererkinder – das wäre für Frankreich ein echter Neuanfang.