Kreuzberger Museum der Dinge : Enzyklopädie des Ungeschmacks

Lydia Brakebusch
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Wohl jeder hat das schon erlebt: Man sitzt erwartungsvoll unterm Weihnachtsbaum, kämpft sich durch Kräusel- und Klebeband, bis das Geschenkpapier sein Geheimnis preisgibt – und sieht sich plötzlich schauspielerisch herausgefordert. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, doch gibt es ästhetische Grenzüberschreitungen, Dinge, die sind einfach unzumutbar – böse Dinge. Wer solche Fehlgriffe beim Weihnachtsshopping vermeiden will, dem sei ein Besuch im Kreuzberger Museum der Dinge empfohlen, zum Studium abschreckender Beispiele. Bereits seit Juli läuft dort die Ausstellung „Böse Dinge – eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“, die rechtzeitig zu Weihnachten, dem Fest des Schenkens, durch Mitbringsel der Besucher erweitert wurde. Man ahnt es schon: Meist handelt es sich um peinliche Präsente. „Geschenk – sehr ungewollt, da ungewöhnlich scheußlich“, schreibt beispielsweise der Spender eines knallbunten Aquarells auf dem beigelegten Infozettel.

Die Ausstellung ist ein Panoptikum des ästhetischen Grauens, inspiriert von einem alten Pamphlet des Kunsthistorikers Gustav E. Pastaurek, der 1909 im Stuttgarter Landesmuseum die „Abteilung der Geschmacksverirrungen“ eröffnete und ein System der Kategorien des Ungeschmacks zu entwickeln versuchte. Neben 50 Leihgaben aus seiner Originalsammlung gibt es in Kreuzberg viele gruselige Neuzugänge zu sehen, von den Mitarbeitern auf Flohmärkten oder in Läden entdeckt. Doch das war den Kuratorinnen Imke Volkers und Renate Flagmeier noch nicht genug, und so forderten sie die Besucher auf, ihre ganz persönlichen Geschmacklosigkeiten mitzubringen.

Rund 300 „böse Dinge“ fanden so den Weg ins Museum, nur ein Teil wurde ausgestellt. Ohnehin ist schwer zu sagen, was nun hässlicher ist: Der glitzernde Wandteller, aus dem sich reliefartig eine schäumende Welle mit drei lachenden Delfinen erhebt? Die aus einer Kokosnuss geschnitzte Affenfamilie? Oder doch der Mekka-Wecker, der, integriert in eine Plastikmoschee, laute Muezzin-Rufe von sich gibt? Die Kuratoren beurteilten die Neuzugänge streng nach Pastaureks Kriterien: Handelt es sich um eine „Dekorbrutalität“, eine „Zweckkollision“ oder vielleicht „Hurrakitsch“? Kürzlich, bei einer Veranstaltung des Rahmenprogramms, durften die Besucher mitdiskutieren. Die Spenderin des Mekka-Weckers etwa fand dabei milde Worte für das Ungetüm: „Er gehörte einer guten Freundin, die Orientalistik studiert hat – das passt doch!“ Das tönerne Monstrum, das einen zerbrochenen antiken Krug darstellen soll, ist nach Pastaurek wohl ein „seichter Materialwitz“, während man die Lampe in Reh-Form eindeutig dem „Jägerkitsch“ zuordnen muss. Und das Feuerzeug mit integrierter Nagelfeile? Klare „Zweckkollision“.

Erhellend sind die beigefügten Erklärungen der Besitzer über den Ursprung der Geschmacksverirrungen: Böse Dinge können sogar kalkulierte Bösartigkeiten sein: „Man traktiert sich gegenseitig mit hässlichen und gemeinen Stehrumchen“, schreibt ein Paar, „das ist jetzt zum Glück vorbei.“ Deshalb sind seine kleinen Gummifiguren – Oma und Opa mit Wackelköpfen im Liegestuhl – im Museum gelandet.

Eine gruselig-kitschige Teekanne trägt den Vermerk, sie sei das Prunkstück der Küche gewesen, das man nicht mal berühren durfte, jetzt aber hätten sich die Familienverhältnisse geändert. Die hässliche Mutter-Kind-Tonfigur wiederum hatte eine Frau von Freunden zur Geburt ihres Kindes erhalten.

Ganz eindeutig ist Pastaureks System allerdings nicht, viele Scheußlichkeiten passen gleich in mehrere Kategorien. Fällt nun die Katzenkapelle, vier glitzernde Porzellan-Miezen mit Instrumenten, unter „Kitsch“ und/oder „übertriebene Oberflächenbehandlung“? Ein Besucher formulierte es so: „Wird eine Katzenkapelle etwa besser, wenn sie nicht glänzt?"

„Böse Dinge“, Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstraße 25 in Kreuzberg, bis 11. Januar, Fr-Mo 12-19 Uhr