Kroatien verliert 2:4 : Und wieder jubelt die Türkei am Schluss - sie steht im Halbfinale gegen Deutschland

Zum wiederholten Male haben die Türken in letzter Minute ein Spiel gedreht - Semih Sentürk gelang in der Nachspielzeit der Verlängerung der Ausgleich. Im Elfmeterschießen behielt das Team von Trainer Fatih Terim die Nerven und spielt nun am Mittwoch gegen Deutschland.

Sven Goldmann[Wien]
EURO 2008 - Kroatien - Türkei
Wahnsinn reloaded. Erneut feierte die Türkei einen verrückten Sieg - jetzt steht sie im Halbfinale.Foto: dpa

Die Türkei fordert am Mittwoch in Basel die deutsche Nationalmannschaft im EM-Halbfinale. Gestern feierte sie in Wien einen dramatischen 4:2-Sieg (1:1, 0:0, 0:0) nach Elfmeterschießen über Kroatien. Die Kroaten Luka Modric und Ivan Rakitic brachten den Ball im Entscheidungsschießen nicht im Tor unter, und als der türkische Senior Rüstü Recber gegen den Dortmunder Mladen Petric pariert hatte, war der größte Erfolg in der türkischen EM-Fußballgeschichte perfekt. Vorangegangen war ein Drama, wie es der Fußball selten erlebt hat. In der vorletzten Minute der Verlängerung köpfte erst der Bremer Ivan Klasnic das 1:0, die Kroaten feierten schon, aber dann schaffte Semih Sentürk in der Nachspielzeit noch den Ausgleich. Im Halbfinale fehlen werden die Türken Turan, Asik und Tuncay, die alle nach der zweiten Gelben Karte gesperrt sind.

Bei aller Dramatik darf nicht vergessen werden, dass beide Mannschaften 119 Minuten lang nicht nur die Nerven der über 50 000 Zuschauer Wien, sondern auch deren ästhetisches Empfinden gequält hatten. Das Spiel lebte allein von der Spannung, und auch die war durch den K.o.-Modus vorgegeben. Alle trugen sie Verantwortung für das bescheidene Niveau. Die Türken weigerten sich lange, einen Beitrag zur Kultur des Spiels zu leisten und wurden erst in der Verlängerung ein wenig munterer. Die Kroaten spielten zwar mit exakt der Aufstellung, die vor einer Woche die Deutschen gedemütigt hatten, aber ohne das damals gezeigte Feuer, ohne ein geniales Moment. Vielleicht fehlte ihnen einfach nur ein frühes Tor. Eines, wie es Dario Srna gegen die Deutschen erzielt und diese damit zur Öffnung ihres Spiels provoziert hatte. Die Chance dafür war da, und was für eine.

Das war nach 19 Minuten, nach Srnas Pass in die Gasse auf Luka Modric, der am rechten Strafraumeck zwei Türken stehen ließ und flach in die Mitte spielte, genau in den Lauf von Ivica Olic. Der Hamburger machte im Prinzip alles richtig, er war den entscheidenden Tick schneller als Gökhan Zan, grätschte vier Meter vor dem Tor in den Ball und traf ihn auch perfekt. Doch von der Querlatte sprang der Ball zurück, direkt auf den Kopf von Niko Kranjcar, der ihn weit über das Tor köpfte. Direkt vor dem fassungslosen Vorlagengeber Modric, der auf dem Bauch lag und immer wieder mit den Fäusten auf den Rasen schlug.

Hätte Olic getroffen – wahrscheinlich wäre dem Publikum einiges erspart geblieben. Die Türken hätten ihre Defensivtaktik aufgeben müssen, die Kroaten ihr schnelles Konterspiel aufziehen können. Chancen dieser Qualität bieten sich in einem EM-Viertelfinale nicht allzu häufig. Schon beim Sieg über Deutschland hatten sich die Kroaten im Ausnutzen ihrer Möglichkeiten recht nach nachlässig gezeigt. In dieser Disziplin taten sie sich auch gestern wieder hervor. Rüstü Recber, der 35 Jahre alte Torhüter, der den gesperrten Volkan Demirel vertrat, musste mit ansehen, wie sein 117. Länderspiel mit jeder Minute zu einer immer einseitigeren Angelegenheit wurde. Er erledigte seinen Job fast fehlerlos, lautstark gefeiert von den türkischen Fans. Seine beste Parade zeigte er zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit, als er einen Freistoß von Srna aus dem Winkel boxte.

Rüstü war schon 1996 beim bislang letzten Pflichtspiel der beiden Mannschaften dabei, es endete 1:0 für die Kroaten. Damals, bei der Europameisterschaft in England, spielte Kroatiens Trainer Bilic noch in der Abwehr, bei den Türken saß wie gestern Fatih Terim auf der Bank. Auch Rüstü ist als Konstante geblieben, auch wenn er bei seinem Verein Besiktas Istanbul nur noch die Nummer zwei ist. Gefährlicher wurde es bei Olics Kopfball, der knapp am Pfosten vorbei flog, und später vergab der Hamburger nach schönem Zuspiel von Modric noch eine Chance. Als Olic Mitte der zweiten Halbzeit dann endlich doch einmal den Ball im Tor unterbrachte, stand er deutlich im Abseits und wurde von Schiedsrichter Roberto Rosetti folgerichtig zurück gepfiffen.

In der Verlängerung erlöste Bilic den glücklosen Olic und schickte Ivan Klasnic auf den Platz. Dem Bremer gelang, was dem Hamburger verwehrt blieb. Nach Rüstüs Fehler und einer schönen Flanke von Modric köpfte er den Ball in Minute 119 ins Netz. Doch Semih Sentürk gab eine späte Antwort und der Wahnsinn nahm seinen Lauf.