Anna von Hausswolff : Jenseitsgrüße: Anna von Hausswolff

Mutige Performerin am Rande der Popmusik: Anna von Hausswolff stellt ihr zweites Album "Ceremony" in der Berliner Volksbühne vor.

Volker Lüke
Liebt es düster. Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff. Foto: City Slang
Liebt es düster. Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff. Foto: City Slang

Himmlischer Vater, wir danken dir! Dafür, das du uns diese Erscheinung geschenkt hast, die in der Volksbühne im schwarzen Kleid über die Bretter schwebt und in die Orgel hämmert als gäbe es kein Morgen. Halleluja! Demütig senken wir unser Haupt zum Gottesdienst, gefangen von einer Musik, die mit wimmernder Spiritualität unsere Nachtseite zum Schwingen bringt. Ja wirklich, das hebt ab, ganz langsam, aber entschlossen dem Jenseits zuwinkend.

Anna von Hausswolff heißt die junge Frau aus Göteborg, die mit ihrem „Funeral Pop“ die Schönheit des Dunklen preist, wie es sich Nick Cave nicht mal am Totensonntag zutrauen würde. Eine mutige Performerin am Rande der Popmusik, die sich Songtitel wie „Funeral For My Future Children“ ausdenkt und schon mal Sachen sagt wie „Tod ist der Zustand, in dem wir wieder eins sind mit der Natur“. Dabei wäre es eine Todsünde, die Tochter des Tonbandkünstlers Carl Michael von Hausswolff als Gothic-Act abzutun. „Kate Bush hängt am Glockenseil“ wäre schon passender, nur klingt alles viel besser. Bei der Live-Präsentation ihres zweiten Albums „Ceremony“, das mit einer alten Kirchenorgel eingespielt wurde, wird sie von vier Kerlen begleitet, die ihr mit dumpf pochendem Schlagwerk, zwei Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Gitarren und wie aus feuchten Kellern heraufhallendem Keyboardgedröhne eine Klangkathedrale bauen, deren sakraler Donner nie in dissonante Bereiche vorstößt und an den Rändern die schönsten Melodien wachsen lässt. Dabei spannt sich der Bogen weit: Tonnenschweres Orgelbrummsausen, psychedelisch stimulierter Düster-Rock, cinematische Morricone-Stimmungen, im Schatten gewachsene Folk-Preziosen, die nach Delirium und Verzweiflung schmecken. Doch der blonde Engel erhebt sein lockiges Haupt über all diese Niederungen und jubiliert mit einer Stimme, deren durchdringenden Vokale einen nicht nur an Kate Bush erinnern, sondern auch daran, wie schön es sein kann, wenn man beim Musikhören eine Gänsehaut bekommt. 70 wundervolle Minuten lang drückt einen diese Geistermusik niemals nieder, sondern erhebt den Hörer und lässt das Herz den Tropfen Blut schwitzen, der das Leben so süß macht. Und der Tod sitzt neben dir – wenn er deine Schulter berührt, heißt es Abschied nehmen von all der Liebe

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