Bundesjugendballett bei Young Euro Classic : Sehen oder Gesehen werden

Tanz das Smartphone: Ein Jugendorchesterfestival kommt nicht um den Zeitgeist herum, das zeigt der Tanzabend „Infinite Identities“ bei Young Euro Classic.

Lisa-Maria Röhling

Sanft klingt Gustav Mahlers Lied „Ging heut’ morgen übers Feld“ aus den Lautsprechern, die Tänzer begrüßen einander voller Freude. Fröhlich wiederholen sie die Worte des Sängers, bewegen sich frei und ungezwungen. „Ist’s nicht eine schöne Welt?“, unterbricht sie plötzlich die stotternde Computerstimme Siri. Schluss mit der Herzlichkeit.

Ein Jugendorchesterfestival kommt nicht um den Zeitgeist herum, das zeigt der Tanzabend „Infinite Identities“ bei Young Euro Classic. Die Digitalisierung ist der Dreh- und Angelpunkt des Programms mit dem Bundesjugendballett und den Gasttänzern des Londoner Just Dance Theatre. Die Choreografen Wubkje Kuindersma, Joseph Toonga, Pascal Schmidt und Hélias Tur-Dorvault haben damit einen ungewöhnlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte geschaffen. Die Tänzer geben sich dem mit vollem Körpereinsatz hin und versprühen unbändige Freude und Energie.

„Errors in Perfection“ reduziert den Menschen und den Körper auf simple Algorithmen, die im Hintergrund der Bühne aufleuchten. „Digital Skin“ zeigt eine aufrüttelnde Choreografie über Kommunikation von Angesicht zu Angesicht – „to see or to be seen“, sagt eine Stimme im Hintergrund.

Klassikarrangements und zeitgenössische Stücke der Pianistin Aike Errenst untermalen den Abend. Die sieben Musiker spielen mit technischer Präzision und sind komplett in die Choreografien eingebunden. Im Einstieg zu „Battling Individuality“ verfolgen die Streicher die fabelhafte koreanische Tänzerin Minju Kang, die mit ihren knallroten Spitzenschuhen aus dem Ensemble hervorsticht, mit kratzenden Tremoli. Sie zieht die Schuhe mit ängstlichem Blick aus und fügt sich schließlich der Gruppe. Die Tänzer um sie herum halten den Moment auf ihren Handykameras fest.

Fast zynisch spiegelt das Publikum die Thematik: Ein Telefonklingeln schrillt durch die gespannte Stille, immer wieder heben sich Smartphones, um die Tänzer und Musiker zu fotografieren. Mahlers „Urlicht“ beschließt den Abend als Aufbruch. Die Worte „Der Mensch ist in größter Not“ erscheinen als mahnender Schlusssatz für die immer körperlosere, im Internet verwachsene Gesellschaft, die von den Tänzern mit ihren gefühlvollen Bewegungen so stark kontrastiert wird.

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