Literaturverlag Luchterhand : Auf Kant verzichten, auf Wolf nicht

„VEB Luchterhand“ - so schmähte Bernd Jentzsch einst den bundesrepublikanischen Luchterhand Literaturverlag, der viele ostdeutsche Autoren verlegte. Eine Studie entkräftet nun die Legende von seiner DDR-Regimetreue.

Hannes Schwenger
Im Westen unzensiert. Christa Wolf 2004 am Stand des Luchterhand Verlags auf der Leipziger Buchmesse.
Im Westen unzensiert. Christa Wolf 2004 am Stand des Luchterhand Verlags auf der Leipziger Buchmesse.Foto: picture alliance / dpa

Natürlich war es Polemik, als der Schriftsteller Bernd Jentzsch den Luchterhand Literaturverlag, das führende Haus für DDR-Literatur in der alten Bundesrepublik nachträglich als „VEB Luchterhand“ schmähte. Wohl deshalb setzt Konstantin Ulmer ein Fragezeichen hinter den von Jentzsch übernommenen Titel seiner Studie über den „Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben“. Gerade weil Luchterhand als Lizenznehmer und -geber für die DDR von wirtschaftlich erheblicher Bedeutung war, blieb der Westverlag stets der dominierende Partner.

Selbst der gerade verstorbene Hermann Kant, der bei Luchterhand, dem Verlag seines Erzfeindes Günter Grass, nur unter ferner liefen erschien, musste sich bei der Auswahl seiner Publizistik „Zu den Unterlagen“ dem West-Lektorat beugen. Dagegen durfte Christa Wolfs in der DDR zensierte „Kassandra“ ungekürzt erscheinen. Eine Einreisesperre gegen die Lektorin Ingrid Krüger musste die DDR zähneknirschend zurücknehmen, um mit Luchterhand im Geschäft zu bleiben. Dabei ging es, wenn die Verlage der DDR unter Kuratel der staatlichen Hauptverwaltung Verlage standen und Autorenrechte seit 1966 nur über das Büro für Urheberrechte der DDR vergeben wurden, auch um Politik.

An dieser Hürde, nicht am Opportunismus des Verlags, scheiterte etwa Bernd Jentzschs DDR-Lyrikanthologie „Halbtotale“, der auf Weisung von „Buchminister“ Klaus Höpcke die Lizenz verweigert wurde. Zumal nach Jentzschs offenem Brief an Honecker, mit dem er bei einem Aufenthalt in der Schweiz gegen Biermanns Ausbürgerung protestierte. Damit war, bestätigt Ulmer, Jentzschs Rückkehr faktisch ausgeschlossen, die Genehmigung seiner Herausgeberschaft unmöglich. Doch auch dieser Fall hat eine Pointe: Die in der DDR schon gedruckte Lizenzausgabe eines früheren Titels von Jentzsch für Hanser wurde trotzdem ausgeliefert. Daran hingen nämlich Devisen.

Kant war verzichtbar, Christa Wolf nicht

Auch Ulmer leugnet nicht, dass der Luchterhand Verlag zu taktischen Rücksichten genötigt war, die ihm als opportunistisch ausgelegt werden konnten. Das galt vor allem für den Fall Biermann. In der Sammlung „Luchterhands Loseblatt Lyrik“ war der Dichter schon 1967 vertreten und nach seiner Trennung vom Wagenbach Verlag Wunschkandidat des literarischen Leiters Otto F. Walter. Biermann, teilte Walter dem damaligen Verleger Eduard Reifferscheid 1973 mit, „akzeptiert Luchterhand als seinen neuen Verlag, will aber genau wissen, ob der Verlag behördlichen Interventionen (offenen und versteckten) gegenüber dem Autor die Treue halten würde.“

Tatsächlich hatte Walter vom Büro für Urheberrechte und von Hermann Kant bereits „drohende Untertöne auf eine Biermann-Luchterhand-Verbindung hin“ vernommen und erwogen, im Konfliktfall auf Kant „notfalls“ zu verzichten, nicht aber auf Christa Wolf „und andere jüngere künftige Autoren“. Doch während Walters Ratgeber Heinrich Böll, Günter Grass, Max Frisch und Uwe Johnson zurieten, eine „gewisse Vereisung unserer Beziehungen drüben“ zu riskieren, blieb Verleger Reifferscheid dabei, ihm gehe es nicht in erster Linie um die Dissidenten, sondern „um den Kulturaustausch mit dem gesamten Osten, und wenn man das ernst nimmt, dann muss man auf Ausnahmeerscheinungen, wie sie Biermann ja darstellt, verzichten.“

Auch Hans-Joachim Schädlichs Erstling „Versuchte Nähe“ wurde von der Verlagsleitung abgelehnt, um die deutsch-deutschen Kontakte nicht zu gefährden. Ähnliche Befürchtungen dürften selbst den Hausautor Rolf Schneider und seinen Roman „November“ zur Biermann-Affäre betroffen haben, als Höpcke 1978 drohte, man werde beobachten, wer „in der BRD, auch unter kapitalistischen Buchmarktverhältnissen, ansteht, so etwas Perfides rauszubringen.“

Ein Tor in die Mauer gesprengt

Ulmer will zwar wissen, dass Luchterhand das Buch bereits vor Höpckes Drohung „aus literarischen Gründen“ abgelehnt habe; es erschien dann im Hamburger Knaus Verlag. Doch fällt auf, dass sich Hans Altenhein, seit 1973 Verlagsleiter bei Luchterhand, noch 1979 zu Schneider als Autor „bei uns“ bekannte: „Die Würdigung des ,Machbaren’ ist auch für Verlage nicht immer oberstes Prinzip.“ In diesem Fall wohl doch.

Dennoch geht fehl, wer die drei Jahrzehnte DDR-Literatur im Luchterhand Verlag als Geschichte einer Vereinnahmung missversteht. Weit eher verkörpert sie die Variante eines Wandels durch Annäherung im Sinne der erfolgreichen Bonner Ostpolitik. Der erste mutige Schritt auf diesem Weg war 1962 Franz Schonauers Entschluss als Cheflektor, im kältesten Jahr des Kalten Kriegs, nach dem Bau der Berliner Mauer, eine Neuausgabe von Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ zu wagen. Das war nicht selbstverständlich nach dem fatalen Brecht-Boykott und dem Einstampfen von Strittmatters „Wundertäter“ im S. Fischer Verlag.

Die Seghers-Publikation veranlasste einen weiteren Hausautor, den aus der DDR geflohenen Peter Jokostra, zur Absage. Seinen Vorwurf, Luchterhand habe für Seghers ein Tor in die Mauer gesprengt, durch das „eine Meute von Nacheiferern eindrängen“ werde, wendete Reifferscheid ins Positive: „Ich gebe die Absicht zu... Es wäre mir recht, denn ich bin gegen Mauern, Wachen und Minen, auch was Bücher angeht.“

Der Gegner, der sich nicht äußert

Mit dieser Devise gelang es unter wechselnden Verlagsleitern (Otto F. Walter, Hans Altenhein) und Lektorinnen (Elisabeth Borchers, Ingrid Krüger), ein spezifisches DDR-Programm aufzubauen und durch alle Krisen – Auslagerung des literarischen Verlags nach Darmstadt, Verschlankung der Produktion, Konflikte um ein Verlagsstatut – weiterzuführen. Das Lektorat begleitete erfolgreich den Generationswechsel in der DDR-Literatur von Seghers über Christa Wolf bis zu Christoph Hein und bot der erwachenden Frauenliteratur in der DDR und der deutsch-deutschen Friedensbewegung eine Plattform. Umgekehrt gelang es, eigene Autoren wie Peter Härtling und Ernst Jandl in der DDR durchzusetzen, 1986 endlich sogar die den Hardlinern verhasste „Blechtrommel“ in einer Auflage von 10 000 Exemplaren.

Bei alledem blieben Rückschläge nicht aus, wenn Elisabeth Borchers bei ihrem Wechsel zu Suhrkamp wichtige Autoren mitnahm und so das Beinahe-Monopol des Luchterhand Verlags beendete. Ihrer Nachfolgerin Ingrid Krüger gelang es indessen, das Vertrauen der nächsten Generation von DDR-Autoren zu gewinnen, oft unterstützt von heimlichen Verbündeten in den Lizenzverlagen der DDR – sehr zur Missbilligung der Staatsführung und Staatssicherheit. So wurde Konrad Reich, der Leiter des Hinstorff Verlags, 1972 „nach der Haltung einiger Mitarbeiter des Luchterhand Verlags“ befragt und gab in unfreiwilliger Komik zu Protokoll, „Herr Walter sei ein Gegner der DDR. Das komme darin zum Ausdruck, dass er sich noch nie über die DDR geäußert habe.“ So wird man nicht zum VEB.

Konstantin Ulmer: VEB Luchterhand? Ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben. Ch. Links Verlag, Berlin 2016. 488 Seiten, 50 €.

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