Mumford & Sons in der Waldbühne : Awesome!

In der Waldbühne begeistert Mumford & Sons die Fans. Die Musik: massenkonformer, weniger Akustikgitarren, aber brilliant. Und am Ende gibt es noch ein Bad in der Menge.

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Laut, mit näselnd kratziger Stimme steht Mumford voller Kraft und Ausdruck vor dem donnernd elektrischen Instrumentarium.
Laut, mit näselnd kratziger Stimme steht Mumford voller Kraft und Ausdruck vor dem donnernd elektrischen Instrumentarium.Foto: DAVIDS/Dominique Ecken

Strahlend blauer Himmel. Knallende Sonne. Ein idealer Tag für ein Konzert im Freien. Während die multikulturell besetzte Londoner Band The Very Best mit einer rasanten Mixtur aus afrikanisch melodischen Rhythmen und westlichem Hip-Hop-Pop die ausverkaufte Waldbühne vorglüht und anheizt, kühlen sich die Besucher mit Hektolitern kalter Erfrischungsgetränke runter, um nicht auszudörren in der Sommerhitze. Es fängt gut an, die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen. La Olas schwappen durch die ausverkaufte Waldbühne. Rauf und runter. Hinsetzen, aufspringen, und nochmal. Alle freuen sich.

Ganz ohne Banjo, ohne Akustikgitarren, mehr Massengeschmack

Die zweite Vorgruppe könnte man von weitem für die Hauptgruppe halten, was offenbar auch manche tun. Zumal sich The Bear's Den, ebenfalls aus London, mit Akustikgitarre, Banjo und Kontrabass auch anhören wie Mumford & Sons. Zumindest so wie diese einmal geklungen haben vor ihrer kreativen Erschöpfungspause. Noch zu jener Zeit, als plötzlich alle Bands so klangen wie Mumford & Sons – nach deren betörender Mischung aus akustischen Instrumenten, englischer Verwurzelung und amerikanischen Folk-Einflüssen. Und als sie alle plötzlich ein Banjo hatten. Zu konstatieren, dass Mumford & Sons nach ihrem halbjährigen Rückzug aus der Öffentlichkeit und seit ihrem jüngsten Album "Wilder Mind" – ganz ohne Banjo, ohne Akustikgitarren - inzwischen klängen wie alle anderen Bands auch, wäre vielleicht ungerecht. Was die Gruppe selbst keineswegs als Abschied von ihrem bisherigen Stil sieht, sondern als Aufbruch und Weiterentwicklung, ist eine deutliche Hinwendung zum Mainstream, zum umfassenderen Massengeschmack. Das kleine Format, das angenehm Zurückhaltende, das man vor nicht langer Zeit noch in winzigen Clubs erleben konnte, bläst sich auf zu gewaltigem Stadionrock. Der jetzt manchmal erinnert an die Kings Of Leon oder an The National. Deren Gitarrist Aaron Dessner hat als Mitproduzent und befreundeter Ratgeber dem neuen Mumford-Album "Wilder Mind" auch seinen deutlichen Stempel aufgedrückt. Wo es elektrisch kracht und auch mal ein Synthie-Teppich auf einer Kitsch-Wolke daherfliegt. Wo es raucht von rechts und von links, wo es überall dampft. Und die Fans entzückt über den Köpfen klatschen. "I Will Wait". Mit Posaune, Trompete und großem Tamtam. Wo sich dezenter Schmalzaufstrich in der Hitze verflüssigt. Wo alles fließt. Wo die Zuhörer jeglichen Alters dahinfließen zu vibrierenden E-Gitarren und Marcus Mumfords schönem Gesang und "Broad Shouldered Beats".

Die Band spielt makellos, sehr laut, aber brillant

Es ist der Lauf der Dinge, den alte Fans bedauern mögen, den man der Band und ihrer wachsenden Anhängerschaft dennoch gönnt. Zumal Marcus Mumford und seine Mitstreiter nichts eingebüsst haben an Charme und Spielfreude. Und offenbar genießen sie es sehr, so eine riesige Bühne mit Treppchen, Podesten, zwei Schlagzeugen, einer Armada von Verstärkern und elektrischen Gitarren zu beleben und auszufüllen mit übermütigen Sprints, Drehern und Tänzchen. Marcus Mumford beherrscht auch mühelos die großen Gesten der Stadionansprachen mit "Good to be back in Berlin!" und "Awesome!" Aber er macht das sehr liebenswürdig, und die Fans lieben ihn wirklich dafür. Sie machen auch zwischendrin immer wieder eine nette Stadionwelle für ihn. Nachdem er bekannt hatte, dass er so schwer beeindruckt sei vom Gemeinschaftsgeist des deutschen Konzert- und Fußballpublikums: "Awsome!" Die Musiker beklatschen die Zuschauer. "Below My Feet". Die Fans beklatschen die Band, jubeln, hüpfen im Takt. Immer ausgelassener, immer wilder werden sie. "Wilder Mind". Die Band spielt makellos. Sehr laut, aber der Klang ist brillant, und näselnd kratzige Stimme steht immer voller Kraft und Ausdruck vor dem donnernd elektrischen Instrumentarium. "Wollt Ihr singen?" fragt er. "Awake My Soul". Alle singen mit. "Lover Of The Light". Unter einer gewaltigen Lichtarchitektur und Laserblitzen. Inmitten vom Wahnsinnsbombast. "Thistle & Weed". Wo der stille Folk Stadionformat verpasst bekommt. Kalte Glühwürmchen in den warmen Abendhimmel. "Ghosts That We Knew". Pinkfloydiges Wabern in "Tompkins Square Park", wehend aufsteigende gilmourige Gitarrentöne von Winston Marshall, der solide Bass von Ted Dwane, füllige Keyboards von Ben Lovett.

Am Ende; ein Bad in der Menge

Aber am Schönsten ist es dann akustischen Instrumenten mit berauschendem vierstimmigen Harmoniegesang ganz zurückhaltend, fast intim "Timshel" und "Cold Arms" spielen. Bevor sie wieder loskrachen, und Marcus Mumford noch in schnelles Bad in der Menge nimmt. Um punkt elf Uhr waren es dann einundzwanzig Songs und zwei schöne Stunden an einem schönen Sommerabend.

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