NACHRICHTEN   : Der freie Flug der Möwen

Die Berliner Schriftstellerin und streitlustige Intellektuelle Monika Maron wird 70

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Die Unangepasste. Monika Maron ging 1988 von Ost nach West. Foto: dpa
Die Unangepasste. Monika Maron ging 1988 von Ost nach West. Foto: dpaFoto: dpa

Spanien: Leonhard Cohen erhält

Prinz-von-Asturien-Preis

Der kanadische Sänger und Dichter Leonard Cohen wird mit dem spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur ausgezeichnet. Der 76-Jährige führe Poesie und Musik zu einer einzigartigen Einheit zusammen und habe mit seinem Werk drei Generationen in aller Welt beeinflusst“, so die Jury. Die in acht Sparten mit je 50 000 Euro dotierten Preise werden im Herbst in Oviedo überreicht. dpa



Frankfurter Buchmesse:

Neuseeland wird Gastland 2012

Neuseeland wird im kommenden Jahr Gastland der Buchmesse Frankfurt ( 10. – 14. 10.). Ein weiter entferntes Gastland gab es noch nie: Von Auckland nach Frankfurt sind es mehr als 17 000 Kilometer. Buchmesse-Chef Juergen Boos verwies bei der Unterzeichnung des Vertrages in Auckland auf den Einfluss der Maori-Bevölkerung: „Die multikulturelle Identität Neuseelands beruht auf mitreißenden Geschichten, seien sie mündlich erzählt, geschrieben, gesungen oder verfilmt.“ Auf Deutsch sind aus Neuseeland unter anderem die Booker-Preisträgerin Keri Hulme, Katherine Mansfield, Alan Duff und Patricia Grace verlegt. dpa

Máron möchte sie ihren Nachnamen ausgesprochen wissen, mit Betonung auf der ersten Silbe. Damit grenzt sich Monika Maron auch akustisch von ihrem Stiefvater Karl Maron (1903 –1975) ab, der einst Innenminister der DDR war. Die Geschichte ihres polnisch-jüdischen Großvaters mütterlicherseits dagegen schilderte sie in „Pawels Briefe“ auf höchst bewegende Weise. Und im Roman „Stille Zeile sechs“ führt die Ich-Erzählerin, die Historikerin Rosalind Polkowski, einen unerbittlichen Dialog mit einem Vertreter der DDR-Aufbaugeneration.

Diese Rosalind dürfte die fantasiebegabteste und radikalste Figur im Erzählwerk Monika Marons sein. In „Die Überläuferin“ von 1986 mutiert Rosalind zu einem weiblichen Oblomow: Die Frau, die schon als Vierjährige täglich ihren Vater begraben wollte, glaubt, ihre Beine nicht mehr bewegen zu können. Sie verliert sich in Tagträumen, statt – wie es ihre Pflicht als Mitglied der sogenannten entwickelten sozialistischen Gesellschaft wäre – ihren Arbeitsplatz in einem historischen Institut aufzusuchen. Dort kann sie vom Fenster aus beobachten, wie der Fluss „nach und nach hinter dem grauen Blech verschwand, wohl um ihn vor den Sprüngen Fluchtwilliger zu schützen oder diese vor der Versuchung, die der freie Flug der Möwen, bedenkenlos zwischen Bodemuseum und Lützowufer, in ihnen hätte wecken können“. Im nächsten Jahrtausend, glaubt Rosalind, werde sie mit der S-Bahn in den Westen fahren.

Als sich herausstellte, dass ihre Bücher in der DDR nicht publiziert werden, folgte Monika Maron 1988 der Flugroute der Möwen gen Westen. Hatte die privilegierte Abiturientin Ende der fünfziger Jahre selbst noch in einem Dresdner Flugzeugwerk dem romantischen Proletenkult gehuldigt, um anschließend Theaterwissenschaftlerin und Journalistin zu werden, so war der Widerspruch zwischen sozialistischem Ideal (der „Einladung zum neueren Leben“, wie Uwe Johnson es nannte) und Wirklichkeit für sie unerträglich geworden. Bereits als Stasi-Informantin (diese Tätigkeit hatte die sonst so wahrheitsliebende und -fordernde Autorin und Essayistin bis 1995 verschwiegen) hatte sie in stilistisch glänzenden Berichten der biederen Staatsmacht den Spiegel vorgehalten: „Ich beschränke mich auf die Gedanken, die einen in Mangelwirtschaft erfahrenden DDR-Bürger heimsuchen, wenn er in dieses Sündenbabel des Kapitalismus gerät. Die Frage, warum bei uns alles hässlicher ist, wird er nicht los. Sie quält ihn, solange er durch die Stadt geht. Warum werden die Kleider langweilig, die Möbel hässlich, die Schuhe plump?“

Monika Maron zog zunächst nach Hamburg, um dann in ihre Geburtsstadt Berlin zurückzukehren, um die ihr Werk stets kreist. Mit einer prominenten Ausnahme: Ihr Erstling „Flugasche“, der vor 30 Jahren bei S. Fischer erschien, spielt in Bitterfeld. Die damalige Reporterin der „Wochenpost“ und der Frauenzeitschrift „Für dich“ ließ darin die Journalistin Josefa Nadler an einer Reportage über die Chemie-Arbeiter scheitern. Die Wirklichkeit ließ sich für sie, die aufrichtige Realistin, nicht im Sinne des „Bitterfelder Weges“ positiv darstellen. „Flugasche“ wurde der erste Umweltroman der DDR – zuvor hatte Ronald Jähn in der Tragikomödie „Bankett für Achilles“ mit Erwin Geschonneck bereits 1975 die von der Industrie verwundete, vergiftete Landschaft gezeigt.

„Ich bin ein Mensch mit gemischter Biografie“, sagt Monika Maron. „Meine ostdeutsche Vergangenheit empfinde ich nicht als Mangel“. Mit ihrem „Bitterfelder Bogen“ kehrte sie 2009 an den Schauplatz von „Flugasche“ zurück und schrieb diesmal tatsächlich eine positive Reportage: über einen der weltweit größten Solarzellen-Produzenten.

Spätestens seit Marcel Reich-Ranicki ihr 1992 den Kleist-Preis zusprach, gilt Maron als meinungsfreudige, wertkonservative Intellektuelle, deren Rat auch von der Politik geschätzt wird. Sie schreibt eindringliche Psychogramme über das Älterwerden und die verpassten Chancen der Liebe („Animal triste“, „Ach Glück“), nimmt dezidiert Stellung zur Migranten- und Islam-Debatte. Als Verfechterin der säkularen Republik stellt sie sich auf die Seite von Necla Kelek und Thilo Sarrazin und gegen den alle Religionen umarmenden Bundespräsidenten. An diesem Freitag feierte Monika Maron, die streitlustige, unangepasste Dichterin, ihren 70. Geburtstag. Katrin Hillgruber

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