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Karl Hafner

LÄRM & WUT

von Jean-Claude Brisseau

Meist hängt nur ein Zettel seiner Mutter an der Küchenwand, wenn Bruno nach Hause kommt. Denk an die Schulaufgaben. Essen ist im Kühlschrank. Mama hat dich lieb – aber man sieht diese Mutter nie in Jean-Claude Brisseaus Jugendfilm „Lärm & Wut“ (Bildstörung) von 1988, der verstörend aktuell wirkt. Es geht um Jugendgewalt, um kaputte Familien, um eine Schule, die ihrer Problemfälle nicht mehr Herr wird. Brisseau, der selbst als Lehrer gearbeitet hat, zeigt die Mechanismen und Umstände, die zu moralischer Verwahrlosung und Gewaltexzessen führen – und doch ist der Film keine bloße Milieustudie irgendwo aus der tristen Pariser Banlieue. Immer wieder finden sich Symbole und Übertreibungen, Anspielungen und Tagtraumsequenzen, auch gibt es tatsächlich grimmigen, bitteren Humor. Der Film erzählt von den Freunden Bruno und Jean-Roger – Letzterer ein Quertreiber und Krimineller, der nicht weiß, wohin mit seiner Wut, und obendrein hat er einen kriegstraumatisierten Säufervater, der vom Recht des Stärkeren redet und von der Gesellschaft nichts mehr wissen will. Beide Jungs suchen nur ein bisschen Anerkennung von jemandem, der sich wenigstens einen Hauch für sie interessiert. Und beide haben Angst davor, irgendwann völlig alleine dazustehen.

TRIAGE

von Danis Tanovic

Eine einzige großflächige Traumatherapie – so könnte man „Triage“ (Ascot Elite) von 2009 beschreiben. Der Kriegsfotograf Marc (Colin Farrell) kommt 1988 ohne seinen Kollegen und besten Freund David aus Kurdistan zurück. Zusammen haben sie in einem Militärlazarett auf einen Angriff von Saddam Husseins Truppen gewartet. Dort ist etwas passiert, das die Erinnerung gelöscht zu haben scheint, wenn da nur ihr Schatten nicht wäre. Marc ist wortkarg geworden, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Seine spanische Freundin sucht Hilfe bei ihrem Großvater, der aus der Franco-Zeit Erfahrungen als Therapeut gesammelt hat. Mit seinem Debüt, der Satire „No Man’s Land“ (2001) gewann der bosnische Regisseur Danis Tanovic den Auslandsoscar. „Triage“ erzählt vom Wahnsinn des Krieges wesentlich konventioneller – und dennoch spannend und ergreifend. Während Marc sich ins Leben zurücktastet, erfährt auch der Zuschauer Stück für Stück, was geschehen ist – und welchen Ballast Marc mit sich herumträgt von diversen Kriegsschauplätzen. Es geht um Lüge und Wahrheit und um die Frage, ob die Kamera eines Fotografen vielleicht manchmal nicht nur Beobachter von Gräueltaten ist, sondern deren Ursache. Also: um Schuld. Und um schreckliche, unausweichliche Entscheidungen, die moralisch kaum mehr greifbar und bewertbar sind.

FEMALE COMEDY TEAMS

Kurzfilmsammlung

Stan und Laurel kennt – hoffentlich – auch heute noch jedes Kind. Dass Hal Roach, Produzent und geistiger Vater der Komiker-Legende, auch mit deren weiblichem Pendant erfolgreich war, daran erinnert jetzt das Münchner Filmmuseum mit der Doppel-DVD „Female Comedy Teams“ (Edition filmmuseum), einer Sammlung von Stumm- und Tonfilmen von 1928 bis 1935. Lange blieben die Komikerinnen-Duos jedoch nicht zusammen. Marion Byron und Anita Garvin etwa haben es nur auf drei gemeinsame Kurzfilme gebracht. In „Feed ’Em and Weep“ etwa verdingen sie sich auf ihrem Weg zum Filmstar als Aushilfskellnerinnen in einem Bahnhofsrestaurant. Bei der Bewirtung von 100 Gästen fliegen und stolpern die beiden durchs Lokal, dass es eine wahre Freunde ist. Bei allem Quatsch und Slapstick ist die Realität der Zwischenkriegsjahre immer erkennbar: Arbeitslosigkeit, Armut, der Siegeszug des Automobils, erste Emanzipationsbewegungen, der Traum vom besseren Leben, am besten als Star, in Hollywood. Später, bereits im Tonfilm, arbeitete die bildschöne Thelma Todd mit ZaSu Pitts als Gegenpart zusammen. Insgesamt zwölf wunderbare Kurzfilme enthält diese DVD. Es wird geschimpft, gemeckert, grimassiert, gegen Türen geknallt, auf Bananenschalen ausgerutscht und sich in Torten gesetzt – mit schreiend komischer Penetranz und herzergreifender Melancholie. Karl Hafner

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