Kultur : ...Norman Mailer

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Fortsetzung von Seite 25

Sie haben von einem Kampf zwischen Islam und Kapitalismus gesprochen. Wenn wir tatsächlich in einer nachchristlichen Welt leben, mit dem Materialismus als höchstem Gott, ist die andere Seite dann nicht besser gerüstet?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass dieser Konflikt, wenn wir nicht jetzt eingrei fen, bloß um fünfzig Jahre verschoben wird. Jetzt könnten wir den Krieg gewinnen, in fünfzig Jahren würden wir ihn vermutlich verlieren. Aber dieser Krieg erscheint mir in vielerlei Hinsicht so unausgewogen, so viel Macht auf der einen Seite, so viel Hass auf der anderen, so viel Technik auf unserer Seite, so viel potenzieller Terrorismus auf der anderen. Terrorist zu sein, ist ja nicht so schwer. Man greift zum Telefonhörer und bringt den Verkehr für einen halben Tag zum Erliegen. Die eigentliche Frage ist, wie ansteckend der Terrorismus ist, und nicht, ob man ihn ausrotten kann. Es wird immer irgendjemanden geben, der bereit ist, als Terrorist zu agieren. Wenn wir ein Imperium errichten wollen, dann wird die Frage sein, ob wir mit dem Terrorismus leben können, so wie die Israelis heutzutage mit dem Terrorismus leben.

Sie haben die Kriegsbereitschaft der Neokonservativen als problematisch für Israel bezeichnet. Warum?

Amerika könnte den Irak vermutlich leicht schlagen, aber wenn Saddam Hussein einen SamsonKomplex hat, wie sähe dann der letzte Akt aus? Würde er am Ende Israel mit allem angreifen, was ihm noch zur Verfügung steht? Israel zuerst anzugreifen, würde er nicht wagen. Das wäre ganz sicher sein Ende. Vermutlich würde er das nicht einmal Terroristen erlauben, weil ihm das allzu leicht nachzuweisen wäre. Wenn Saddam aber alles verloren hat und wenn er auch nur andeutungsweise so schlimm ist, wie er hingestellt wird, dann könnte er die Säulen des Tempels durchaus einreißen wollen. Er wäre bereit, als Superterrorist in die Geschichte einzugehen.

Auch gegenüber Israel?

Natürlich. Israel war anfangs ein kleines Land. Wenn die arabischen Führer ein Fünkchen Menschlichkeit besessen hätten, hätten sie doch sagen können, diese Leute sind durch die Hölle gegangen. Begegnen wir ihnen mit islamischer Höflichkeit, die wir Fremden üblicherweise entgegenbringen. Stattdessen erklärten sie sie zu Feinden. Die Israelis hatten keine andere Wahl, als stark zu werden und sich mit den Amerikanern zu verbünden. Im Laufe der Zeit haben einige der besten Züge des jüdischen Charakters – Ironie, Wahrheitsliebe, Verehrung von Weisheit und Gerechtigkeit – ziemliche Entstellungen davongetragen.

Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma mit den Palästinensern herauszukommen?

Ich wüsste nicht, wie. Jedenfalls nicht im Moment. Wenn ein Krieg gegen den Irak zu einer festen amerikanischen Präsenz dort führt, fühlen sie sich in den nächsten Jahrzehnten vielleicht sicher. Aber diese Unterstützung könnte gefährlich sein. Für viele einflussreiche Amerikaner könnte die Frage später einmal lauten: Nützt uns die Unterstützung für Israel oder schadet sie uns? Die Realpolitiker im amerikanischen Establishment betrachten Israel ja schon jetzt mit gemischten Gefühlen. Die Neokonservativen denken vielleicht: Dies ist unsere beste Chance, dies ist die beste Gelegenheit, jetzt müssen wir alles riskieren, sonst stehen wir noch in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren mit leeren Händen da. Aber ich sage noch einmal: Solche Risiken geht man nicht ein. Ich war schon immer dagegen, dass man seine letzten tausend Dollar setzt. Zumal wenn man eine Familie hat. Auch deshalb bin ich ein Linkskonservativer. Das ist das Konservative in mir.

Das Gespräch führte Taki Theodoracopulos. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

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