Premiere: „Mania“ : Die neuen Ausschweifungen des Dionysos

Miloš Lolic holt Euripides’ Tragödie „Die Bakchen“ in die Gegenwart. Seine Inszenierung „Mania“ schildert den Konflikt zwischen Ordnung und Orgie.

von
Till Wonka als Dionysos, Aleksandar Radenkovic als Pentheus und Sesede Terziyan als Agaue in "Mania".
Till Wonka als Dionysos, Aleksandar Radenkovic als Pentheus und Sesede Terziyan als Agaue in "Mania".Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

„In dies Thebanerland komm ich, Sohn des Zeus, Dionysos.“ Mit diesen Worten beginnen „Die Bakchen“, die letzte Tragödie von Euripides. Pentheus, der König von Theben, will das Endringen des Fremden verhindern. Denn Dionysos droht die festgefügte Ordnung ins Wanken zu bringen. Der junge serbische Regisseur Miloš Lolic, der zum ersten Mal am Gorki Theater inszeniert, zeigt nun mit „Mania“ eine heutige Bearbeitung von Euripides' Stück. Es ist seine erste Annäherung an die griechische Tragödie. Lolic hat sich für die Übersetzung von Simon Werle entschieden, die gar nicht versucht, besonders heutig zu klingen. Auch Lolic will uns den antiken Stoff nahebringen, ohne ihn vordergründig zu aktualisieren und leicht konsumierbar zu machen. Das, was an dem alten Text fremd und archaisch klingt, will er nicht glätten. Ihm geht es um die Reibung zwischen dem Überlieferten und unseren heutigen Erfahrungen

Zwei Prinzipien stehen sich gegenüber: Dionysos ist der Gott des Rausches, der Entgrenzung und der Ekstase, des Wahnsinns. Pentheus steht für die Ordnung und die kalte Vernunft. Doch Lolic will nicht für einen der Antipoden Partei ergreifen: „Als ich mit den Proben anfing, habe ich mich vor allem für Dionysos interessiert“, erzählt Lolic. „Ich habe ihn meinen Schauspielern als den großen Befreier präsentiert. Aber je länger wir an dem Stück arbeiteten, desto besser habe ich Pentheus verstanden. Mir wurde klar, dass wir keine Welt ohne Pentheus bauen können.“

Die Macht der Frau

Als naive Aufforderung, sich zu entgrenzen, will Lolic seine Inszenierung nicht verstanden wissen. Mit Blick auf die heutige libertäre Gesellschaft stellt er fest: „Wir leben in einer Pentheus-Gesellschaft, aber es ist ein dreckiger Pentheus, der Dionysos ausbeutet.“ Das ganze Wochenende durchfeiern und am Montag wieder pünktlich zur Arbeit erscheinen – es gibt erstaunlich viele, die das hinbekommen. Euripides war da skeptischer. In seinem Stück werde diskutiert, warum ein Mittelmaß zwischen Rausch und Nüchternheit, Orgie und Ordnung nicht erreichbar ist.
Ursprünglich wollte Miloš Lolic das Stück nur mit Männern besetzen, doch als er Sesede Terziyan in Aufführungen am Gorki sah, wurde ihm klar: Agaue sollte kein Mann spielen. Die Mutter des Pentheus folgt Dionysos und wird zur rasenden Mänade. Am Ende zerreißt sie ihren eigenen Sohn. „Nur eine Frau kann sich am Ende hinstellen und sagen: ,Ich war es‘“, so Lolic. Terziyan steht auch für Semele und andere Göttinnen. Als einzige Frau auf der Bühne, umringt von Männern, habe sie eine „Machtposition“ inne.

Ausnahmezustand in Berlin

„Die alten Mythen klingen erst mal kindisch, aber wenn man tiefer eindringt, versteht man: In jedem von uns steckt etwas von Dionysos und Pentheus“, betont Lolic. Drei Zigarettenlängen braucht er, um auf den Kern zu kommen: Neben den psychologischen und politischen Aspekten, dem Gender-Switch reize ihn vor allem das „Moment der Überschreitung“. Bei den Griechen war das Theater ein Ausnahmezustand. Etwas davon will Lolic den heutigen Zuschauern vermitteln – und das im dionysischen Berlin.


Premiere: 5.6., 19.30 Uhr
Weitere Vorstellungen: 6., 13. und 20.6., jeweils 19.30 Uhr


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben