Kultur : ...und Herz

Zweimal Indien: „Liebe lieber indisch“ und „Black“

Sebastian Handke

Mit dem zauberhaft leichten Überraschungserfolg „Kick it like Beckham“ brachte Gurinder Chadha vor drei Jahren britisch-indische Migrationsprobleme in die Multiplexe. Jetzt hat sie sich von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ zu einer romantischen Komödie inspirieren lassen, die den culture clash ins Globale hebt und dabei die Filmwelten Hollywoods und Indiens einander anzunähern sucht. Chadha zügelt dabei die ausgelassene Inszenierungslust des indischen Kinos, verwandelte die britische Vorlage aber doch in einen „Bollywood“-Stoff, indem sie das Zwecklose zur Hauptsache erhebt: Eine vorhersehbare Handlung wird angereichert mit komödiantischen Einlagen, plötzlich eingeworfen Handlungshindernissen, Kehrtwenden, Missverständnissen, Stilbrüchen und vor allem: Gesang und Tanz. „Liebe lieber indisch“ dringt niemals in die Tiefen seiner Thematik ein, ist aber höchst unterhaltsam – bunt, prachtvoll, schwelgerisch und manchmal sehr komisch.

Mutter Bakshi will unbedingt ihre vier Töchter verheiraten. Die sind mehr oder weniger willig, wenn es nicht gerade Mr. Kholi sein muss, ein reicher und reichlich ungeschickter „NRI“ (Non-Resident Indian) aus Los Angeles. Nur die schöne und eigensinnige Lalita (Asiens Megastar Aishwarya Rai) gibt sich bockig. Auf einer Hochzeitsfeier trifft sie den Hotelier-Erben Darcy (Martin Henderson), der sein US-Hotelimperium nach Indien ausdehnen möchte, sich dabei aber eher unempfindlich zeigt gegenüber dessen Kultur. Kein Zweifel: Die Stolze und der Arrogante sind füreinander bestimmt, doch bis sie sich in die Arme fallen, haben sie einen langen Weg vor sich.

Zu seinem Ende kommt er mit einer kleinen Prügelei vor der Leinwand eines Londoner Kinos: Dort läuft „Purab Aur Pachhim“ („Osten und Westen“), ein indischer Klassiker, der fast grotesk die Überlegenheit der indischen Lebensweise gegenüber dem Westen vorführt. Ein Zitat für Kenner. „Liebe lieber indisch“ macht – vermutlich unfreiwillig – etwas Ähnliches: Nicht nur, dass Darcy zwischen dem indischen Personal äußerst blass wirkt; auch offenbart das westliche Musical im Vergleich mit den indischen Liedern zudem eine fast schmerzhaft peinliche Banalität. Als hätte man Burger-Soße in die Masala-Mischung gekippt.

Gurinder Chadhas Versuche, amerikanische und indische Filmsprache zu vereinen, sind nicht die einzige Strategie des westwärts heftig im Aufbruch befindlichen jungen indischen Kinos. Andere Filmemacher knüpfen an die Traditionen indischer Filmzentren außerhalb Mumbais an, deren Filme durchaus an europäisches Kino erinnern, ohne dass sie die Lust am Spektakel vermissen lassen.

Sanjay Leela Bhansali ist ein solcher Regisseur, und mit „Devdas“ war er bereits für den Oscar nominiert. Sein neuer Film „Black“ kommt ohne Gesang und Tanz aus: Es ist die Geschichte eines verwahrlosten, blinden und tauben Mädchens, das von einem exzentrischen Lehrer bis zum Studienabschluss geführt wird. Ein anfangs beklemmendes Drama, denn des Lehrers robuste Herangehensweise beruht nicht auf väterlichem Mitleid. Daraus erwächst aber nicht der hollywoodeske Triumph des Individuums, sondern eine Lehrer-Schüler-Beziehung, wie sie nur das indische Kino erzählen kann. „Black“ ist kein zartfühlender, minimalistischer Arthouse-Film. Im Gegenteil, man wird geradezu überwältigt von Indiens geballter kinematografischer Manipulationsmacht. Hier versöhnt sich das Kammerspiel mit inszenatorischer Opulenz – warmherzig, visuell überwältigend und rührend bis zum Steinerweichen.

„Liebe lieber indisch“ im Cinemaxx Colosseum, Cinestar Cubix, Hellersdorf, Tegel und SonyCenter (OV), Zoo Palast; „Black“ im City Wedding (OmeU)

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