. . . Zugeschlagen : Zwei von zehn

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. (Heute Abend, 23.35 Uhr, mit Orhan Pamuk und Judith Schalansky)



10) Kerstin Gier: Rubinrot (Arena Verlag, 345 Seiten, 15, 99 €)

Der Auftaktband einer Jugendbuch-Trilogie, deren Folgebände auch auf der Bestsellerliste stehen. Giers Heldin Gwendolyn entstammt einer schrulligen britischen Familie, kann Geister sehen und ist 16 Jahre, als sie herausfindet, dass sie Trägerin eines seltenen Gens ist, das ihr Zeitreisen in die Vergangenheit erlaubt.

9) Paolo Coelho: Die Schriften von Accra (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes, 184 Seiten, 17,90 €)

Der Urvater aller esoterischen Schwachsinnsschwurbler ist zurück. Jetzt noch dümmer, plakativer und abgeschmackter. „Versuche nicht, nützlich zu sein. Sei nur du selbst! Das allein zählt“, schreibt er allen Ernstes, als müsste irgendjemand im Kapitalismus noch zur Kultivierung des eigenen Egos ermutigt werden. Coelhos Maximen, Trostofferten und Sinnsprüchlein häufen Dummheit auf Dummheit: „Das Schlimmste ist, zu fallen und nicht wieder auf die Füße zu kommen“, „Die Augen sind der Spiegel der Seele“ etc. Ich aber sage euch: Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.

8) Kerstin Gier: Saphirblau (Arena Verlag 395 Seiten, 18,95 €)

Mithilfe einer Zeitmaschine erfährt Gwendolyn von einem uralten Geheimbund, lernt ihre erste große Liebe Gideon kennen, entdeckt einen finsteren Plan des Grafen von Saint Germain und vereitelt diesen mithilfe des Unsterblichkeit versprechenden Steins der Weisen.

7) Kerstin Gier: Samaragdgrün (Arena Verlag, 437 Seiten, 18,95 €)

Ich habe durchaus eine Schwäche für Zeitreisegeschichten, aber keine so große, um dieser schwachen hier ihre antiquierten Geschichtsbilder und Geschlechterklischees zu verzeihen.

6) Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret (Deutsch von Hannes Thiess und Marieke Heimburger, dtv, 653 Seiten, 19,90 €)

Erstmals muss ich diesen Autor loben: für seinen Ehrgeiz. Adler-Olsen versucht zu beschreiben, wie die Etablierung einer Diktatur in den USA ablaufen könnte. Leider erweist er sich dramaturgisch wie stilistisch von seinem Thema überfordert: das Innenleben meines Staubsaugers wirkt aufregend im Vergleich zu dem Bild, das Adler-Olsen von der Psyche des US-Präsidenten und seines Umfeldes zeichnet. Nie hätte dieses jämmerlich gescheiterte Buch ein ordentlich arbeitendes Verlagslektorat passieren dürfen.

5) Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern (KiWi, 416 Seiten, 19,99 €)

Verklemmt, verdruckst, katholisch, kinderreich: das Leben der Menschen am Niederrhein wurde selten so anrührend genau geschildert wie in diesem Roman über drei unterschiedliche Schwestern. Erzählanlass ist der 100. Geburtstag der ältesten Schwester Gertrud. Gesthuysen erzählt von der Organisation der Feier und breitet gelassen die Vorgeschichte der Schwestern aus, doch die eigentlichen Helden in ihrem besonderen Familienroman sind der Niederrhein und seine Bewohner.

4) Sabine Ebert: 1813. Kriegsfeuer (Knaur Verlag, 934 Seiten, 24,99 €)

Es bedarf literarischen Muts, wie Sabine Ebert in Tolstois Fußstapfen zu treten und einen historischen Roman über Napoleon und in diesem Fall die Völkerschlacht von Leipzig zu schreiben. Dieser Mut weckt meine Sympathie. In der Wahl ihrer literarischen Darstellungsmittel bleibt Ebert aber vollkommen mutlos konventionell. Dafür reitet sie der Übermut, da sie ein Promi-Schaulaufen veranstaltet und neben Zar oder Franzosenkaiser sogar noch den Säugling Richard Wagner auf den Armen seiner Mutter in Leipzig nach Brot greinen lässt. Endgültig den Todesstoß versetzt diesem historischen Schinken sein trendiger Vulgärfeminismus, der nicht besser ist als der Hurrapatriotismus, mit dem frühere Autoren dieses Sujet behandelt hätten: „Männer nehmen Leben, Frauen schenken Leben. So ist es seit Anbeginn der Zeit.“ Und Frauen schreiben seit Anbeginn der Zeit aufgeblähte Liebesromane über Stoffe, die keine literarische Naivität verzeihen. Aber so muss es ja nicht auf ewig bleiben.

3) Volker Klüpfl, Michael Kobr: Herzblut (Droemer Verlag, 395 Seiten, 19,99 €)

„Low-carb, low-fat, low-salt“: der Allgäuer Kriminalhauptkommissar Kluftinger hat nichts zu lachen in diesem Fall um eine rätselhafte Mordserie – seine Leser dafür umso mehr, denn die Angst vor einem Herzinfarkt zwingt den Kässpatzen-Fanatiker zu Tofu und Joghurt statt Leberkäsesemmeln. Und er muss ein Testament aufsetzen und sogar seinem cholerischen Naturell Zügel anlegen. Kluftingers schwerblütiger Inspector-Clouseau-Charme ist sicher nicht jedermanns Sache, immerhin aber steigern sich Klüpfl und Kobr von Buch zu Buch.

2) Dora Heldt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen! (dtv, 352 S., 17,90 €)

Die Lektüre dieses in einlullelnder Phlegma-Prosa verfassten Romans gleicht einer Selbsteinweisung in die Geriatrie. Nach 70 Seiten kommt es während einer Autofahrt zu einem Reifenwechsel, dann wird Suppe serviert, am Ende kulminiert der tranige Plot um eine Rentner-Abzocke mit Immobiliendeals in einem Herzinfarkt. Heldt schreibt für Menschen, die schon mit 30 auf den Tag genau wissen, wie viel Zeit sie noch zur Rente brauchen.

1) Timur Vermes: Er ist wieder da (Eichborn, 396 Seiten, 19,33 €)

Was für ein großartiges Comeback hat Walter Moers Hitler in seinen Comicbänden „Adolf“, „Adolf Teil zwei“ und „Adolf – Der Bonker“ verschafft. Und was für ein lahmes Machwerk ist dieser schwache Roman um einen im Berlin des Jahres 2011 wiederaufgetauchten Hitler. „Da hätte ich mir den ganzen Krieg ja schenken können“, lässt Vermes Hitler rufen, als er von der Fortexistenz Polens „teilweise sogar auf ehemaligem Reichgebiet!“ erfährt. Solche Sparwitzchen kennzeichnen diesen Roman und machen ihn eher zum Partygag als zur Kunst.

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