Kultur : 1, 2, 3 – gelacht

„Papierküsse“: Pali Mellers Briefe an seine Kinder.

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Pädagogische Ratgeberliteratur gibt es zuhauf. Pali Mellers Briefe reihen sich da ein, doch sind sie direkt an seine Kinder geschrieben und in ihrer Eindringlichkeit, dem Anspruch unvergleichlich. Seine 24 Briefe und zwei Postkarten wurden vor einem Hintergrund verfasst, der Vergleiche verbietet. Zwischen Februar 1942 und März 1943 schrieb der ungarische Architekt jüdischer Herkunft aus dem Gefängnis an seinen elfjährigen Sohn und die siebenjährige Tochter, die er als Witwer bei einer Haushälterin zurücklassen musste. Wegen gefälschter Papiere – Meller hatte sich als evangelisch ausgegeben – und der Liebesbeziehung mit einer „Arierin“ war er zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Zeit lief gegen ihn, das wusste der Verhaftete sogleich. Die aufmunternden Zeilen werden zur Lebensanleitung – welche Hypothek für ein Kind, welche Kostbarkeit!

Siebzig Jahre befanden sich die Briefe im Familienbesitz. Als Vermächtnis: Meller kehrte nicht zurück. Er starb vierzigjährig im Zuchthaus Brandenburg-Görden an Tbc. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Kinder konnte Dorothea Zwirner die Enkel überzeugen, diesen Nachlass freizugeben. Ihr ist die Veröffentlichung eines eindrucksvollen Dokuments zu verdanken, die Erinnerung an einen lebenslustigen, talentierten Architekten. Meller stieß in den zwanziger Jahren in Rotterdam zum Büro des De-Stijl-Künstlers J.  J.  P. Oud und war mit ihm an der Weißenhofsiedlung in Stuttgart beteiligt. Unter Otto Bartning plante er in Berlin den Bau der Gustav-Adolf-Kirche.

Das Buch ist zugleich die Geschichte einer Entrechtung, die in den Briefen aber nie erwähnt wird. Stattdessen werden zwei Kinder auf den Weg gebracht, ermahnend, humorvoll, von hohem Ideal geprägt: „1, 2, 3 – gelacht!“ Die Briefe zeichnet nicht nur eine tiefe Sehnsucht aus, die behutsame Anleitung aus der Ferne, sondern sie haben auch eine literarische Qualität. Zugleich dokumentieren sie eine untergegangene Briefkultur, ein verlorenes schriftstellerisches Talent. Am Anfang steht eine Traumbeschreibung, in der sich Meller tröstlich gemeinsamer Ausflüge erinnert. In der letzten Karte radelt er in einer Fieberfantasie mit der Familie durch seine ungarische Heimat. Bei den Papierküssen, so der Buchtitel, sollte es bleiben. Nicola Kuhn

Pali Meller: Papierküsse. Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43. Hrsg. von Dorothea Zwirner. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2012.

134 Seiten, 18,95 €.

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