Kultur : 1. Berliner Comicfestival: Hundstage

Christian Schröder

Sag mir, welchen Hund du hältst, und ich sag dir, wer du bist. Wahrscheinlich gibt es keinen Gegenstand, an dem sich die psychische Grundbefindlichkeit eines Volkes besser ablesen lässt als an seinen Haustieren. Der Schäferhund zum Beispiel, Lieblingshund der Deutschen, wirkt wie die Fell- und Fleischwerdung germanischer Sekundärtugenden: Er ist wachsam, leicht abzurichten und gehorcht stets aufs Wort. Die Bulldogge hingegen, die noch immer als englisches Nationalmaskottchen gilt, scheint vom Niedergang einstiger imperialer Größe zu künden: Sie kann noch so laut kläffen, ist aber dermaßen klein, dass sie dabei immer irgendwie lächerlich aussieht. Auch Bosnien-Herzogowina verfügt seit einigen Jahren über eine spezifische Spezies: den flat dog. Der flat dog ist ein Opfer der Verhältnisse in dem Nachbürgerkriegsland. Früher mag er ein stolzer Schäferhund oder eine vorlaute Bulldogge gewesen sein, jetzt liegt er plattgefahren - flat - neben dem Autoput. Die mit Bombenkratern übersäten Straßen des Landes sind auch fünf Jahre nach Kriegsende in einem desaströsen Zustand, der ihr Betreten nicht nur für Tiere lebensgefährlich macht. Deshalb kursiert in den Kneipen von Sarajevo der Witz, dass der flat dog die einzige in Bosnien vorkommende Hunderasse sei. Balkanischer Galgenhumor.

"Bosnian Flat Dog" heißt ein Comic, der von beidem handelt: Vom Übergang der ex-jugoslawischen Teilrepublik in einen nicht allzu friedlichen Frieden, und vom schwarzen Humor, der bei diesem Übergang hilft. Er stammt von den beiden schwedischen Comic-Künstlern Max Andersson und Lars Sjunnesson, die seit ein paar Jahren in Berlin leben. Andersson und Sjunnesson waren im Mai 1999 von dem slowenischen Magazin "Stripburger" zu einem Independent-Comicfestival nach Ljubljana eingeladen worden und nutzten die Gelegenheit, um anschließend - mitten während der Nato-Bombenangriffe auf Serbien - in einem Mietwagen von Slowenien aus durch Kroatien und die Serben-Hochburg Srpska bis nach Sarajevo zu fahren. Ihre Geschichte ist eine Mischung aus Reise-Chronik und Kriminal-Kolportage, die schwarz-weißen Tuschzeichnungen erinnern mit ihrer wimmeligen Kleinteiligkeit und den verzerrten Perspektiven an expressionistische Holzschnitte, was gut zur morbid-düsteren Grundstimmung passt. Der erste Teil von "Bosnian Flat Dog" ist vor kurzem bei Fantagraphic Books in Seattle erschienen, wo auch US-Größen wie Robert Crumb und Daniel Clowes veröffentlichen. Beim Comicfestival, mit dem sich Berlin von heute an für vier Tage als mindestens heimliche Hauptstadt der deutschen Sprechblasen-Szene präsentieren will (siehe Kasten), sind die Originalzeichnungen erstmals zu sehen.

Comic-Reportagen scheinen derzeit in Mode zu sein, wie etwa das Schaffen der "Alltagsspione" von der Berliner Gruppe "Monogatari" belegt. Auch Comics über den Krieg in Ex-Jugoslawien hat es schon gegeben, beispielsweise den voluminösen Bosnien-Band "Safe Area Gorazde" des US-Amerikaners Joe Sacco. Was aber "Bosnian Flat Dog" zum Ereignis macht, ist der fantastische Realismus, mit dem sich die Ebenen von Wirklichkeit und Fiktion hier ineinander schieben. So erreicht gleich zu Beginn Sjunnesson beim Comic-Kongress in Ljubljana der Anruf einer Figur, die seinem eigenen Kopf entsprungen ist: "Uncle Skledar". Als solchen hatte er in drei Comics einen verwirrten slowenischen Architekturstudenten verewigt, den er in den achtziger Jahren in seinem schwedischen Studentenwohnheim kennen lernte. Davon hat der echte Skledar Wind bekommen, er will Geld.

Die nächtliche Übergabe scheitert, als die Zeichner in ein Eiskrem-Attentat (!) geraten. Dabei fällt ihnen Skledars Kriegstagebuch und eine Granatenhülse mit der Aufschrift "Sarajevo" in die Hände. Um die Spur aufzunehmen, brechen die Schweden gen Bosnien auf. Am Straßenrand begegnet ihnen der Alltag eines Landes im Ausnahmezustand: Straßensperren, bettelnde Kinder und die Budengassen der Schwarzmarkthändler. Über allem hängt das Dröhnen der Nato-Bomber. Das Sarajevo, das die Truppe am Ende erreicht, sieht ungefähr so aus wie Graham Greenes Wien im "Dritten Mann": ein Stück Film Noir, in dem die Gespenster der Vergangenheit durch die Ruinen spuken. In Sarajevo werden die nächsten beiden Teile von "Bosnian Flat Dog" spielen, die bis 2003 erscheinen sollen.

Eine "Neuinterpretation der Wahrheit" (Sjunnesson) nennen die Autoren ihre Geschichte und beharren darauf, dass sie "nicht weniger wahr als die Kriegsberichte im Fernsehen" sei (Andersson). Denn eines haben die auf beiden Seiten manipulierten Nachrichten über die Nato-Attacke auf Serbien vor allem bewiesen: Dass man der so genannten Objektivität gründlich zu misstrauen hat. "Bosnian Flat Dog" muss deshalb auch als eine Form der Medienkritik mit Hilfe des Zeichenstifts verstanden werden. Überhaupt glaubt Andersson, dass man nur tief genug in seine eigene Phantasie hinabzutauchen braucht, um zur Wirklichkeit vorzustoßen. So hatte er schon Jahre vor dem Sarajevo-Trip von riesigen plattgefahrenen Hunden geträumt und daraus einen Comic gemacht. Mit "Bosnian Flat Dog" arbeiten die beiden 39-jährigen Zeichner an einem ambitionierten Langzeitprojekt: Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Comic durchlässig zu machen. Beim Berliner Comicfestival zeigen sie auch das Kriegstagebuch von "Uncle Skledar" - und einen echten flat dog. Wirklich wahr ist nämlich nur, was man selber erfunden hat.

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