1.Weltkriegsroman, wiederentdeckt : Das Märchen vom Morden

Wiederentdeckt: Hans Herbert Grimms Kriegsroman „Schlump“.

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Klar zum Gefecht. Deutsche Soldaten 1915 an der Westfront. Foto: dpa/picture-alliance
Klar zum Gefecht. Deutsche Soldaten 1915 an der Westfront. Foto: dpa/picture-allianceFoto: picture alliance / dpa

Der Tod schickt keine Vorwarnung. Nur ein sirrendes Geräusch ist zu hören, es stammt von einer Granate, die mitten im deutschen Schützengraben einschlägt. Der Soldat Schlump, der eben noch mit seinem Freund Willy rauchend zusammengestanden hatte, wird bis zum Bauch verschüttet. Als er sich frei gegraben hat, entdeckt er den Kameraden. „Da lag Willy, alles um ihn war voll Blut. Er war ganz grün im Gesicht, und die linke Hand zitterte. Die Brust war blutig aufgefetzt, rote Klumpen hingen heraus, im Halse war ein faustgroßes Loch.“ Der Held ist mit dem Leben davongekommen. Aber er wird noch zwei Tage lang zittern.

Die Szene erinnert in ihrer Drastik an die Klassiker unter den Romanen über den Ersten Weltkrieg, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder Ludwig Renns „Krieg“. Aber das Buch, um das es hier geht – Hans Herbert Grimms „Schlump“ – ist mehr ein Schelmen- als ein Kriegsroman. Sein Held Emil Schulz bekommt seinen Spitznamen schon als Jugendlicher verpasst, als er eine Jahrmarktsbude verwüstet hat und von einem Polizisten am Schlafittchen gepackt wird. Schlump, das klingt nach einer Mischung aus Lump und Spitzbube. Dabei hat dieser Schlump überhaupt nichts Gaunerhaftes an sich. Er besitzt ein eher einfach gestricktes Gemüt und blickt durch seine „immerfrohen Augen“ optimistisch in die Welt. Die naive Sorglosigkeit, mit der er die Grauen des Ersten Weltkriegs übersteht, teilt er mit dem braven Soldaten Schwejk.

Als der Krieg ausbricht, ist Schlump 16 Jahre alt. In seiner Fantasie imaginiert er einen triumphalen deutschen Sieg und hat Angst, für diesen Sieg nicht mehr rechtzeitig zu kommen. An seinem 17. Geburtstag meldet er sich heimlich – die Eltern sind dagegen – zur Armee. Seinen Abschied vom Elternstädtchen kommentiert Grimm mit einem Satz von grimmigem Sarkasmus: „Die Musik spielte auf dem Bahnhof, und es klang, als schrie sie in namenlosem Schmerz.“

"Schlump" erschien 1929, im selben Jahr wie "Im Westen nichts Neues"

Aber Schlump hat Glück. Weil er französisch spricht, wird er zum Dorfvorsteher eines französischen Fleckens in der Etappe ernannt. Hier ist der Krieg weit weg, bloß eine „schaurige Melodie, die von der Front herüberdröhnte“, ein „böses Lied“. Schlump, bekocht von französischen Wirtsleuten, lebt wie die Made im Speck. Und er liebt die Franzosen. Genauer gesagt: die Französinnen. So leistet der brave Soldat mit seinen Affären mit Mädchen, die Céline, Marie oder Estelle heißen, inmitten von Stahlgewittern seinen Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.

Als er dann doch an die Front muss, erlebt Schlump mit seiner „goldenen, kindlichen Harmlosigkeit“ den Krieg als großes Schauspiel. „Die heißen Splitter schlugen links und rechts in den nassen Lehm, huff, huff, huff. Die schweren Zünder sausten allein durch die Luft, nachdem die Granate zerplatzt war, und brummten wie die Hummeln. Ein Konzert!“ Dieser Nachfahre des Simplicius Simplicissimus wirkt unbedarft, registriert aber sehr genau die Klassenunterschiede im Schützengraben. Während die einfachen Soldaten hungern, lassen sich die Offiziere Schweinebraten servieren. Und wenn die Soldaten zum Schanzen nach vorne geschickt werden, bleibt ihr Kompanieführer hinten. Die Allgegenwart des Todes macht die Kämpfer zynisch und abgestumpft. Ein Scharfschütze wird für jeden Engländer, den er tötet, mit drei Mark belohnt.

Grimm schreibt lakonisch und höchst präzise über den Krieg, lässt seine Helden aber immer wieder abschweifen. Schlump erzählt Fabeln, Anekdoten und Träume, wahre und erfundene Geschichten. Als am Ende, nach der Kapitulation Russlands, die deutschen Truppen von der Ost- an die Westfront verlegt werden, weiß Schlump längst, dass der Krieg verloren ist. Die Schuld an seiner sinnlosen Verlängerung des Krieges gibt er dem Kaiser und seinen Generälen: „Das große Unternehmen war nicht zu Ende gedacht, und so mussten unzählige junge Menschen einen furchtbaren, entsetzlichen Tod sterben.“ „Schlump“ erschien 1929, im selben Jahr wie „Im Westen nichts Neues“. Das war sein Pech, denn gegen den Erfolg von Remarques Bestseller kam das (Anti-)Kriegsmärchen nicht an. Hans Herbert Grimm verschwieg seine Autorschaft, weil er fürchtete, ansonsten Probleme an der Schule im sächsischen Altenburg zu bekommen, wo er Lehrer war. 1933 warfen die Nationalsozialisten das Buch auf den Scheiterhaufen. Als der Kritiker Volker Weidermann „Schlump“ in seinem „Buch der verbrannten Bücher“ erwähnte, meldeten sich Nachfahren von Grimm bei ihm. Nun steht endlich fest, wer den „Schlump“ geschrieben hat. Es ist sein einziges Buch und ein kleines Meisterwerk.

Hans Herbert Grimm: Schlump. Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 347 Seiten, 19,99 €

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