Kultur : 10. Filmfestival in Cottbus: Im Rücken Gottes

Kerstin Decker

"Seine Exzellenz, Tschingis Aitmatow, Botschafter in Belgien!" - Aitmatow betritt die Bühne des Cottbuser "Weltspiegel"-Kinos, dem man nicht anmerkt, wie lange es leerstand, zuletzt. Dessen Jugendstil-Gelassenheit man nicht anmerkt, wie lange es wieder leerstehen wird, demnächst. Der große Dichter, Patron des diesjährigen Mittelasien-Filmfokus, spricht über das Kino. Über das westliche und über das östliche. Er sagt, dass das östliche Kino dem westlichen Widerstand leisten müsse. Widerstand mit der Seele. "Tiefe seelische Filme" solle es machen. Es klingt, als verkünde Aitmatow einen neuen Fünfjahresplan.

Zehn Jahre Cottbuser Festival des Osteuropäischen Films: Wo sind sie, die russischen, tschechischen und ungarischen Filme, die 1990 so plötzlich von den Leinwänden verschwanden? So fragte man sich und wurde doch fündig bei der alljährlichen Suche nach der verlorenen Seele. "Lost Killers" heißt der erste Wettbewerbsfilm. Eine deutsche Produktion; Dito Tsintsadze, Georgier, ist der Regisseur. Gehört Georgien schon zu Mittelasien, also: zur Aitmatow-Welt?

"Lost Killers" spielt in Mannheim. In einer Zuhälterkneipe treffen sich ein Kroate und ein Georgier, eine Vietnamesin und ein Haitianer. Sie haben keine Papiere. Sie haben keine Chance. Sie nutzen sie. Der Haitianer will seine linke Niere verkaufen und nach Australien auswandern. Der Nieren-Erlös wird auch reichen für Lans Zähne. Denn Lan, die vietnamesische Hure, braucht neue Zähne. Sie bekommt keine Kunden mit den alten. Sie muss es immer von hinten machen. Durch ein Pappwand-Loch in ihrem Keller.

Ob Aitmatow "Lost Killers" gesehen hat? Es gibt keine Gewalt, keinen Sex im traditionellen Kino Mittelasiens. Es gibt, scheint es bald, nur noch Gewalt und Sex im neuen Kino Osteuropas. Und einen eigenartigen Humor. "Lost Killers" ist lustig. Mitleid oder Lachen, man muss sich entscheiden, dachte wohl Dito Tsintsadze, wenn man eine Geschichte von den Hoffnungslosen erzählen will. Vielleicht ist er auch nur auf der Flucht: vor Aitmatows Seele. Die Löcher in Lans Pappwänden sind nicht seelenförmig, Mannheim ist nicht seelenförmig, warum dann ein Film? Doch "Lost Killers" ist auch auf der Flucht vor sich selbst. Der Film zeigt Härte noch dort, wo sie umkippt ins nur Gaghafte, Pubertäre. Wo sie das Thema verrät. Die Jury hat es nicht bemerkt und gab "Lost Killers" den Hauptpreis.

"Lost Killers", "Bad Guys": Es ist fast gleich. Die Innenaufnahme einer ungarischen Besserungsanstalt. Eine Männerwelt, eine Dschungelwelt. Sie zerbeißen Gläser und lachen aus blutenden Mündern. Sie schlagen sich tot und lachen. Sie verbrennen Bücher, denn mit irgendetwas müssen sie die brüllende Leere in sich füllen. "Bad Guys" ist nicht leer, sondern zeigt den menschlichen Naturzustand so unmittelbar, dass man an einen Filmset fast nicht glauben mag. Das Humanum als Gestrüpp. Seele? Hier ist sie das Kameraauge. Ein Organ der Registratur, nichts weiter. Es registriert nur die Bändigung dieses Naturzustands, durch einen, der noch stärker ist - mehr nicht. Durch einen Fanatiker, der Ordnung schafft.

Ich musste die ganze Zeit an den Faschismus denken, sagt jemand nach der Premiere. Regisseur Tamas Sas widerspricht nicht. Am Abend liest Tschingis Aitmatow in einer überfüllten Buchhandlung. Er antwortet auf Fragen wie: "Herr Aitmatow, wie definieren Sie die Stellung des Menschen im Kosmos?" Der Botschafter in Belgien sagt, dass er heute im Flugzeug sitzen und mit dem Handy telefonieren könne. Ein Wunder, von der mittelasiatischen Steppe her gesehen! Die Anwesenden schweigen. Sie haben Angst um Aitmatows Rückflug. Sie schauen auf ihre Handys: die Weltseele - da drin?

Die vergessenen Bilder

Nein, nicht im Handy. In einem ungarischen Dorf, direkt "hinter Gottes Rücken". Dort hat sie der Ungar Can Togay, Sohn emigrierter türkischer Journalisten, entdeckt. Kein Dorf ist schöner als dieses, keine Kindheit wahrer als die von Radi und Ladu - und kein Motorradfahrer wirklicher als der, auf den sie jede Woche warten. Denn er bringt die neuen Filme. Dann wird es Winter. Der Motorradfahrer ist verunglückt. Das Dorfkino bleibt geschlossen. Bis Radu alte Stummfilmrollen findet, oder sagen wir, Teile davon. Vergessene Filmschnipsel. "Panzerkreuzer Potemkin", "Caligari", "Die Nibelungen", "La bête humaine". Man braucht sie nur zusammenzukleben, denkt Radu, und hat einen ganz normalen Film. Längenmäßig gesehen. Und wer nicht versteht, wie absolut zwingend Siegfried, sein Nibelungen-Drache, Jean Gabins Lachen und der Morgenappell an Bord des Panzerkreuzers zusammengehören - ist der nicht ohnehin auf immer verloren fürs Kino? Togays ungarisches Dorf ist nicht verloren fürs Kino. Es sieht Radus Panzerkreuzercaligarilabêtehumaine-Geschichte - und erkennt seine darin. Jeder erkennt seine eigene.

Seele. Es gibt viele Worte für die Seele im Slawischen. Seele ist auch Geist, hatte die Tschechin Ina "Svarcovß gesagt, die für ihren Film "Als Großvater Rita Hayworth liebte" den Kinderfilmpreis bekam. Sie hat es gewusst, genau wie Can Togay. Seele ist auch Traum, viel wirklicher als die Wirklichkeit. Und Lachen, natürlich. Und sogar - Filmmusik. Wenn sie so zu den Bildern findet wie in "Ein Winter hinter Gottes Rücken" ...

Mit dem Traumwissen der Kinder und dem bösen Blick der Erwachsenen zugleich schauen: Auch Nana Dshordshadse aus Tiflis ("Die 1001 Rezepte des verliebten Kochs") hat es versucht. "27 Missing Kisses" handelt von einem alten Kapitän, der das Meer verloren hat (Pierre Richard), vor allem aber von der 14-jährigen Sibylle, die den 41-jährigen Alexander liebt. Ohne Widerrede. Wahrscheinlich hätte das weiter westlich niemand mehr gewagt. Diese Leidenschaft - ja, natürlich ist sie sexuell - einer Minderjährigen für den älteren Mann, aufgelöst, aufgefangen in der surrealen Magie des Films. Und der Zahlen.

Das ist schön. Aber das magische Rad beginnt sich nicht wirklich zu drehen. Man spürt die Absicht. Man sieht die 1001 Zutaten, allzu bunt, allzu märchenhaft. Was verbergen sie? "27 Missing Kisses" ist ein Märchen-Clip für Erwachsene. Ein Seelen-Clip, mehr wohl nicht. Aber das alte "Weltspiegel"-Kino war überfüllt wie sonst nie. Die Cottbusser haben ihn geliebt.

Das Festival zerfällt an einer unsichtbaren Grenzlinie der Seele. Filme wie der jugoslawische "Mechanismus" ("Findling"-Sonderpreis) treiben die Gewalt, den Sadismus, die Entseelung auf absurde, ja trashige Höhen. Dort gehen sie nahtlos über in die Popkultur. Und jetzt müsste man über "Ene mene" reden. Die ersten freien Wahlen irgendwo in der tschechischen Provinz. Wir bleiben im Wahllokal, fast zwei Stunden lang. Keine Minute ist zuviel. Es ist ein großer Spaß, und es ist tiefster Ernst zugleich. Weltgeister machen solche Filme. Oder, sagen wir, Jirí Menzel. Die Regisseurin heißt Alice Nellis. Sie ist 29. "Ene mene" ist ihr Debüt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben