Kultur : 10 Jahre Hauptstadtbeschluss: Gewendet

Hermann Rudolph

Es war 21.47 Uhr, als heute vor zehn Jahren im Bundestag der Beifall aufbrandete. Zu Ende ging der längste Tag des deutschen Parlaments, in mehrfachem Sinne, vielleicht auch in der Geschichte der Bundesrepublik - und einer der besten war es auch. Das glaubte jedenfalls Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth schon zu wissen, als sie, nach der Verkündung des Ergebnisses, erklärte: "Das ist ein großer Tag für uns gewesen, aber auch für das Parlament." Ein Tag auch für das parlamentarische Guinness-Buch der Rekorde: fast zwölf Stunden Debatte, 106 Redner, ebenso viele, die ihre Beiträge - der fortschreitenden Zeit wegen - zu Protokoll gaben, 653 Seiten als dokumentarischer Ertrag in der Veröffentlichung durch den Bundestag. Nach dieser Anstrengung reichte es selbst bei dem Regierenden Bürgermeister Berlins nicht mehr zu der großen, aufspringenden Freude. Sichtlich erschöpft, wenn auch voller Genugtuung nahm Eberhard Diepgen auf der Bundesratsbank die Glückwünsche entgegen.

Inzwischen ist kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr die Debatte die Bundesrepublik damals aufgerührt hat und, vor allem, wie offen ihr Ausgang war. Bis in die letzten Tage ging der Streit der Meinungen hin und her. Johannes Rau, damals Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, lud die Abgeordneten zu einem Sonderkonzert, bei dem beziehungsreich Schumanns "Rheinische Symphonie" auf dem Programm stand; Hanna-Renate Laurien, Berlins Parlamentspräsidentin, bat sie zu einem Empfang. Drei Wochen vor der Abstimmung war der SPD-Parteitag in Bremen bei einem Probe-Votum in der Mitte auseinandergebrochen. Eine Stimme entschied dort für Bonn. Deshalb versuchte der Parteitag, dem Dilemma mit dem Vorschlag einer - nirgendwo in der Verfassung vorgesehenen - Volksabstimmung zu entkommen. Der knappe Ausgang der Bundestags-Abstimmung lag also in der Luft. Der Riss ging durch die beiden Volksparteien, die mehrheitlich für Bonn stimmten.

In den letzten Tagen vor der Abstimmung schien sich die Waage allerdings zugunsten von Bonn zu neigen. In der Berliner Landesvertretung in Bonn, in der der Tagesspiegel am Vorabend der Debatte sein neues Korrespondenten-Büro vorstellte, herrschte jedenfalls Grabesstimmmung, während man in den Kreisen der Bonn-Befürworter schon verhalten triumphierte. Am Tag darauf wurden also drei Leitartikel vorbereitet. "Eine vergebene Chance" war der Artikel überschrieben, den der "Tagesspiegel" gedruckt hätte, wenn die Entscheidung gegen Berlin ausgefallen wäre. Ein dritter Leitartikel sollte die Entscheidung kommentieren, dass Berlin Sitz des Bundestages werden, die Bundesregierung aber in Bonn bleiben sollte; sie schien im Lauf des späteren Nachmittags an Boden zu gewinnen. Er war noch nicht fertig, als die Entscheidung bekannt wurde. Nun rückte der Leitartikel ins Blatt, der die Überschrift trug: "Eine Hauptstadt für alle Deutschen."

Noch mehr verblüffen, von heute aus gesehen, die Argumente, mit denen damals um Bonn oder Berlin gerungen wurde - in der Bundestagsdebatte. Selbst die parlamentarische Sternstunde, auf die alle so stolz waren, macht einen etwas gespenstischen Eindruck. Erst recht die Auseinandersetzungen, die ihr vorausgingen: Auch renommierte Köpfe befürchteten von der Entscheidung für Berlin nichts Geringeres als ein Abrücken von dem westeuropäisch-demokratischen Charakter der alten Bundesrepublik und einen Rückfall in alte Unarten. Berlin verheiße eine "Neuauflage preußisch-deutscher Mystik", fand beispielsweise ein kluger Mann wie Horst Ehmke, und Peter Glotz sah den Föderalismus zugunsten eines neuen Zentralismus untergehen. Umgekehrt wurde das lange verachtete Bonn zum Unterpfand deutscher Demokratie und Bundesstaatlichkeit. Nicht viel weniger weit griffen indessen die Hoffnungen aus, die sich an die Entscheidung knüpften. Dass Berlin durch sie zu einem Zentrum Mitteleuropas werde, war noch die geringste davon.

Zehn Jahre später ist das meiste davon Material für die nationale Tiefen-Psychologie. Nur in der Debatte, die im Vorfeld des Umzugs darüber geführt wurde, ob die Bundesrepublik damit zu einer "Berliner Republik" werde, kam noch etwas davon wieder hoch. Berlin ist weder zu der Mega-Stadt geworden, vor der Norbert Blüm es durch sein Votum für Bonn bewahren wollte, noch ist es die große Ost-West-Brücke geworden. Die knappe Abstimmung in den Abendstunden des 20. Juni, bei der FDP und PDS den Ausschlag gaben, ist gleichwohl eine Schlüssel-Entscheidung für den Weg der Bundesrepublik geworden.

Das ergibt sich am besten aus dem Gedankenexperiment, was geworden wäre, wenn die Abstimmung zugunsten von Bonn ausgefallen wäre. Ohne die Zug- und Sogkraft der Hauptstadt-Entscheidung hätte Berlin in den vergangenen zehn Jahren nicht den Aufstieg von der ost-westlich zementierten Doppelstadt zu einem deutschen und europäischen Anziehungspunkt genommen. Und die Bundesrepublik wäre noch mehr die West-Republik geblieben, die sie ohnedies noch zu sehr ist. Ein Stück weit haben die Berlin-Befürworter, die vor zehn Jahren so knapp siegten, also Erfolg gehabt. Ihr Antrag hieß nämlich nicht: "Berlin muss wieder Hauptstadt werden" oder gar - wie manche Kritiker glauben machten - "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben". Er hieß "Vollendung der Einheit Deutschlands".

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