100° Berlin : Das kluge Känguru

Glückssucher unterwegs: „100° Berlin“, ein Festival des freien Theaters.

Patrick Wildermann

Auf der Weltbühne wird völlig erfolglos das Theater der Bankrottbewältigung gespielt, da ist es doch mal angeraten, nach einem neuen Stück mit globaler Wirkkraft Ausschau zu halten. Am besten an der Basis, dort, wo es kein Geld gibt, aber vielleicht den Einfallreichtum der Verzweiflung. Und so kommt es, dass man zur besten Theaterzeit im Treppenaufgang des Hebbels am Ufer steht, unter Anleitung zweier grellblonder Glücks-Coaches ein Aufputsch-Mantra singt, das ungefähr lautet: „Jede Zelle meines Körpers ist gut drauf!“, und dazu hüpft wie ein Hare-Krishna-Anhänger.

„Happiness now!“ heißt das Trainingsprogramm der Formation „Per Aspera productions“, es ist eine von über hundert Gruppen, die beim Festival „100° Berlin“, dem Vier-Tage-Marathon des freien Theaters, mit ihrer Kunst gegen die Kälte da draußen anheizen wollen. Bei „Happiness now!“ füllt man einen Fragebogen aus, wird dann in einen Beckett’schen Warteraum geleitet, bis irgendwann das Telefon klingelt und man gebeten wird, den Umschlag mit der persönlichen Lebensoptimierungsstrategie entgegenzunehmen. Öffnen allerdings, mahnt Glücks-Coach Lisa, dürfe man ihn nie.

Sicher, man sollte von der freien Szene nicht zu viel der Lebenshilfe erwarten. Aber es kommt auch wirklich wenig. Im Shuttle zwischen den Spielorten Hebbel-Theater und Sophiensäle blitzt so ein unerwarteter Trostmoment auf, in den „Känguru-Geschichten“ des Slam-Poeten Marc-Uwe Kling. Das kluge Känguru sagt in diesem Hörspiel, Schulden seien ja nichts Reales wie ein Haus, sondern nur eine Verabredung im Kopf, und die könne man einfach ignorieren. Was für ein feiner Tipp an Steinbrück! Und im oberen Foyer des HAU 1 hat das Kollektiv „White Horse“ das Institut für Herzensangelegenheiten gegründet, einen „Locus Amoenus“ – auch das ist ein Lichtblick. „White Horse“ erwartet, dass mit der Finanz- auch eine Herzenskrise einhergehen wird, deswegen soll man jetzt, zurückgezogen in eine Kuschelgarderobe, eine Liebeserklärung aufs Band sprechen – die in einem halben Jahr per Mail zurückgeschickt wird – ein Carepaket für die kommende Gefühlshungersnot.

Insgesamt aber verhält es sich auf diesem Festival wie so oft in der Großstadt, man sucht Romantik und findet Pornografie. Und zwar eine mit feministischem Antlitz. Sex, Frauen und Video, das sind die alles überstrahlenden Motive hier. Im erotisch aufgeladenen Judith-Butler-Diskurs-Happening „I Want To See The World On Fire“, einer Art abschwellendem Bocksgesang, wird vulgär-freudianisch der männliche „PussyNeid“ diagnostiziert. Und die „Fräulein Wunder AG“, vertreten mit der RauschRecherche „(I can’t get no) Satisfaction“, sucht Probanden für ihr Projekt „P.O.P.“, was für „Power of Pussy“ steht.

Gewiss, auch im Parallelveranstaltungswust aus Geschlechterverwirrung und Dildo-Songs gibt es echte Höhepunkte: In Horst Majeures „pornstorm“ (Untertitel: „Shakespeares ‚Sturm‘ im Zeitalter postkolonialer Triebökonomie“) werden Cultural Studies und Gender-Theorie zu einer fröhlichen Seminarveranstaltung verjazzt. Und die One-Woman-Striptease-Show „my ten favorite ways to undress“, die die Schauspielerin Beatrice Fleischlin in der Gästewohnung der Sophiensäle veranstaltet, ist in ihrem hintergründigen Erwartungsspiel furios.

Über allzu vielen Stücken aber liegt eine seltsame Ironieseligkeit, die sich erledigt haben dürfte, wenn noch das letzte Subventionstaschengeld gestrichen wird. Selbst die überaus muntere LivePerformance zweier Schauspielerinnen der trashigen Internet-Sitcom „torstrasse-intim.de“, deren „Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs“ während des Festivals im HAU-Foyer liefen, kann über eines nicht hinwegtäuschen: Ironie ist auch nur ein anderes Wort für Ratlosigkeit.

Welcher Geist hinter dieser abgeklärten Fassade steckt, das enttarnt auf nachgerade subversive Weise die Gruppe „vor dem theater“ mit ihrem Heimatabend „Tollkühnes Singen“. Bei Bier und Brezeln lassen die Performerinnen Daniela Aue und Kathrin Veser die Volkslieder ihrer Kindheit aufleben, und das überwiegend aus Mittdreißigern bestehende Publikum schmettert das „Ännchen von Tharau“, als sei’s der jüngste BritpopSchrei. Da kann man sehen, was wirklich übrig geblieben ist, nachdem die Generation Golf ihre Abwrackprämie kassiert hat: die Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Jäger aus Kurpfalz.

PS: Am Ende haben wir den Glücksumschlag doch noch geöffnet. Sinngemäß stand darin: Lieber Freund, du bist heute auf der verzweifelten Suche nach einem glücklicheren Leben zu uns gekommen, aber leider können wir dir auch nicht weiterhelfen. Zum Trost liegt ein Bonbon mit Kirschgeschmack bei.

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