100 Jahre Bund Deutscher Architekten Berlin : Avantgarde und Anpassung

Zum 100-jährigen Bestehen versichert sich der Berliner Architektenbund seiner Geschichte. Damals wie heute geht es der Vereinigung um die Ausbildung und um die Stellung des Baukünstlers im Planungs- und Bauprozess.

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Monument des Berliner Modernismus. Die Deutsche Oper von Fritz Bornemann.
Monument des Berliner Modernismus. Die Deutsche Oper von Fritz Bornemann.Foto: Deutsche Oper Berlin

Das Kürzel BDA verbinden die meisten mit der Lobbyarbeit der Arbeitgeberverbände. Aber auch der Bund Deutscher Architekten nennt sich so, jener Zusammenschluss der 16 Landesverbände, die sich für die Förderung der Baukultur einsetzen und Berufspolitik betreiben. Nicht jeder Architekt, Stadtplaner oder Landschaftsarchitekt kann Mitglied werden, die Aufnahme erfolgt durch Berufung. Das Kürzel BDA auf der Visitenkarte ist eine Auszeichnung – kann aber auch zu einem gewissen elitären Selbstverständnis führen.

Dass dem nicht immer eine hohe Integrität und moralische Kompetenz der Mitglieder entsprach, zeigt der Blick zurück. 100 Jahre ist der BDA nun alt, der Berliner Landesverband nimmt das Jubiläum zum Anlass, sich der eigenen Fundamente zu versichern, und hat fünf Autoren um eine kritische Beleuchtung seiner Geschichte gebeten. Das respektable Buch hinterfragt die Berliner Baugeschichte: Wie haben die eigenen Mitglieder agiert, was hat sie bewogen, was haben sie bewegt? („Wechselhafte Zeiten – fünf Ansichten aus 100 Jahren, 104 S., 17 €) Entstanden sind außerdem zehn Interviewvideos mit Zeitzeugen von Hilde Weström bis Hans Kollhoff, mit Exponenten aus Ost-Berlin wie Bruno Flierl und Wolf R. Eisentraut sowie Georg Heinrichs, HardtWaltherr Hämer und Hinrich Baller aus dem Westen der Stadt.

So manches Wesentliche hat sich nicht geändert. Damals wie heute ging es um die Ausbildung, um die Stellung des Baukünstlers im Planungs- und Bauprozess, Gebührenordnung und Wettbewerbsverfahren, wie Karin Wilhelm in ihrer Betrachtung der Anfänge ausleuchtet. 1903, als sich der BDA in Frankfurt gründete, war der Mietwohnungsbau Sache der Baumeister und Bauunternehmer, die Staatsbauten wurden von beamteten Architekten geplant. „Privatarchitekten“ spielten keine große Rolle. Die Mitgliedschaft war auf sie beschränkt, erst ab 1915 traten Beamte und Unternehmer ein.

Nach dem Ersten Weltkrieg zog die Dachorganisation des BDA an die Spree und wurde fortan von den Berliner Architekten dominiert. Ihr Augenmerk galt der 1920 vollzogenen Konstitution von Groß-Berlin, den enormen stadt- und verkehrsplanerischen Entwicklungen und der Ablösung wilhelminischer Bautraditionen durch das Neue Bauen. Die namhaftesten Mitglieder organisierten sich in Avantgardegruppen, etwa dem 1924 gegründeten „Zehner-Ring“ innerhalb des BDA, unter anderem mit den Gebrüdern Taut, Behrens, Mendelsohn, Poelzig, Häring und Mies van der Rohe. Bis zu seiner Gleichschaltung 1933 durch Aufnahme in die Reichskulturkammer blieb der BDA die treibende progressive Kraft in der Architekturdiskussion; einige Avantgardisten waren sogar im Vorstand aktiv.

Doch dann folgte der Niedergang. Christian Welzbacher benennt in der Festschrift die Merkwürdigkeit, „wie schnell und bedingungslos sich Individuen, Vereine, Interessensgruppen den neuen deutschen Machthabern ,anschlossen‘, obwohl deren Politik, von der Ideologie über die Struktur hin zur alltäglichen Praxis, ihren Interessen fremd, ja entgegengesetzt sein musste.“ Auch der BDA habe sämtliche bis dahin vehement verfochtenen Ziele aufgegeben.

Erich Mendelsohn verließ das Land bereits Ende März 1933, und schon im Dezember, fast zwei Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen, verfügte der BDA den Ausschluss von „Nichtariern“ und politisch oppositionellen Mitgliedern. Wassili und Hans Luckhardt zum Beispiel trennten sich von ihrem jüdischen Partner Alfons Anker, traten noch 1933 in die NSDAP ein und unterstützten wie andere verbliebene Protagonisten des BDA die Baupolitik des Reichs nach Kräften. Sie wurden reichlich mit Aufträgen bedacht, um die Reichshauptstadt Germania und die Gauhauptstädte zu planen.

Als einer der Jüngeren startete Hans Schoszberger, später einer der erfolgreichsten Architekten West-Berlins, seine Karriere während der NS-Zeit. „Baulicher Luftschutz“ hieß sein Bestseller 1934. 1957 veröffentlichte er – quasi als Folgeband – das Buch „Bautechnischer Atomschutz“. Ein „engagierter Mitläufer“, urteilt Welzbacher, der „geradezu idealtypisch für die Kontinuität“ über 1945 hinaus stehe. Auch Fritz Bornemann, Architekt der Deutschen Oper und Vorkämpfer der Nachkriegsmoderne, stand in NSDiensten und inszenierte den Staatsbesuch Mussolinis 1937 als monumentalklassizistisches Spektakel. Die Unterlagen dazu ließ er verschwinden. Seine Karriere beginnt offiziell 1945, den BDA-Vorsitz hat er von 1963 bis 1979 inne.

Merkwürdigerweise findet der BDA Berlin in Peter Rumpfs Schilderung der Epoche von 1948 bis zur Wiedervereinigung keine Erwähnung. Dabei beteiligte er sich etwa an der Organisation der Interbau 1957 im Hansaviertel. Vor allem gehörten die Protagonisten des Wiederaufbaus und des Baubooms in der Halbstadt zu seinen Mitgliedern, Baukünstler wie Hans Schoszberger, Fritz Bornemann, Max Taut, Hermann Fehling, Dietmar Grötzebach und Jan Rave bis hin zu zwielichtigen Figuren wie Dietrich Garski.

1952 gründete sich in Ost-Berlin der BDA der DDR; 1955 reiste eine letzte gemeinsame Delegation zum internationalen Architektur-Kongress in Den Haag, fortan gab es den BDA doppelt. Nach dem Fall der Mauer galt es erneut, Gemeinsamkeiten zu suchen und die OstKollegen mit den neuen Systemen vertraut zu machen. Eine Aufgabe, der sich die West-Berliner BDA-Mitglieder mit Empathie und Engagement widmeten.

In den 90er Jahren war es dem BDA wichtig, ein Gegengewicht zur „Stimmann-Doktrin“ (Traufhöhe, „Kritische Rekonstruktion“) aufzubauen und die Spaltung der Architektenschaft in eine dem Senatsbaudirektor nahe und eine ihm ferne Fraktion zu überwinden. Heute äußert sich der Architektenbund häufig zur Berliner Baupolitik, richtet Ausstellungen aus und einen eigenen Preis. Den Verlust an Einfluss während der Stimmann-Ära (1991–2006) hat er aber noch nicht ganz wettmachen können.

Festakt mit Verleihung des BDA-Preises Berlin: heute, 3. Juli, Konzertsaal der UdK, Hardenbergstr. 33, ab 18 Uhr – Die Zeitzeugen-Videos sind in der BDA-Galerie zu sehen, Mommsenstr. 64, bis 15. Juli (Mo, Mi, Do 10–15 Uhr, Fr–So 14–18, am 5. Juli von 11–17 Uhr). Infos: www. bda-berlin.de

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