100 Jahre de Stijl : Keine Angst vor Rot, Gelb, Blau

Die Niederlande feiern 100 Jahre de Stijl: Die Künstlerbewegung um Piet Mondrian und Bart van der Leck formte wie das Bauhaus die Moderne.

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Warten auf die Heimkehrer von hoher See. Bart van der Lecks Riesengemälde „Der Sturm“ von 1916.
Warten auf die Heimkehrer von hoher See. Bart van der Lecks Riesengemälde „Der Sturm“ von 1916.Foto: Museum, VG Bild-Kunst Bonn 2017

Wann sich die beiden das erste Mal begegnet sind, darüber streitet sich die Forschung. War es 1915, als Piet Mondrian der Sammlerin Helene Kröller-Müller ein Bild in ihre Villa brachte, deren Inneneinrichtung Bart van der Leck gerade neu gestaltete? Oder war es 1916, als der Maler nach Laren zog, nachdem er durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr nach Paris zurückkehren konnte. Van der Leck hatte in dem Künstlerdorf mit seiner Familie ebenfalls Quartier bezogen. Dort müssen sich der hagere Mondrian und sein stämmiger Kollege, dieses ungleiche Paar, das die nächsten zwei Jahre so viel teilte, sehr bald getroffen haben.

Es ist so etwas wie der Urknall der modernen Malerei in den Niederlanden, der Ausgangspunkt für de Stijl. Die Kunstbewegung nahm ihren Ausgang ein Jahr später mit der Begründung der gleichnamigen Zeitschrift, genau vor einem Jahrhundert. Ganz Holland feiert dieses Jubiläum mit Ausstellungen, Design-Festivals, Fahrrad-Touren. Den Anfang aber macht das Gemeente Museum in Den Haag, das den größten Bestand an Mondrian-Werken besitzt. Es beginnt den Jubiläumsreigen passenderweise mit der Begegnung von Mondrian und van der Leck, aus der die Reduzierung auf Rot, Blau und Gelb sowie die starke Linearität hervorgegangen ist, die heute nicht nur für die moderne Malerei, sondern für neues Design schlechthin, für eine funktionale Gestaltung von Architektur, Möbel, Mode und Gebrauchsgegenständen steht.

Ein Sammelbecken für neue Ideen

Mit Mondrian und van der Leck hatten sich zwei gefunden, die jeweils vom anderen Ende eine Verdichtung ihrer Bildmittel anstrebten. Piet Mondrian war schon in Paris durch den Kubismus animiert zur Abstraktion vorgestoßen, malte allerdings noch pastos, in schlammigem Pink und Violett, setzte die farbigen Rechtecke dicht an dicht auf die Leinwand. Van der Leck, der von der Glasmalerei kam und sich bei den alten Ägyptern das Statuarische der Figuren, die programmatische Seitenansicht abgeschaut hatte, benutzte vor allem klare Lokalfarben, das Rot, das Gelb, das Blau, die zur Fanfare für den Aufbruch werden sollten.

Das Verdienst der Ausstellung in Den Haag besteht darin, van der Leck aus dem Schatten Mondrians herauszuholen, ihn einem größeren Publikum bekannt zu machen. Das Jubiläumsjahr rückt endlich auch die weniger bekannten de Stijl-Protagonisten ins Licht. Theo van Doesburg aber bleibt der Star als Gründer der Zeitschrift de Stijl vor exakt 100 Jahren, die der Bewegung ihren Namen gab. De Stijl, das war letztlich eine lockere Verbindung aus Malern, Architekten, Designern, die sich nicht trafen, sondern miteinander korrespondierten und sich über Beiträge in van Doesburgs Magazin austauschten.

Die Zeitschrift stellte im neutralen Holland, das im Schatten der Krieg führenden Länder rundum nach einen künstlerischen Aufbruch suchte, ein Sammelbecken für neue Ideen dar – nicht nur in der Kunst, sondern für eine grundstürzend andere Betrachtung der Welt, zu der alle Gewerke aufgerufen waren. De Stijl so hieß es im Manifest, das mit der vierten Ausgabe veröffentlicht wurde, wolle „zur Entwicklung eines neuen Schönheitsbewusstseins“ beitragen, die Menschen „für das Neue empfänglich machen“.

Nach und nach verließen die Mitglieder de Stijl

So ähnlich klang dies zwei Jahre später bei der Gründung des Bauhauses in Weimar. Van Doesburg, der Unermüdliche, reiste sogleich an, um dort de Stijl auf die internationale Bühne zu heben. Die anfängliche Sympathie von Direktor Gropius für den temperamentvollen Gastdozenten und hartnäckigen Promotor eigener Ideen, der auf seinen aus Weimar verschickten Postkarten das Bauhaus-Gebäude mit de-Stijl-Schriftzügen überzog, währte nicht lang, bald kam es zu Streitigkeiten. 1920 reiste van Doesburg weiter nach Paris. Da hatten sich seine ersten Kombattanten auch schon wieder abgewandt. Van der Leck, einst Gründungsmitglied, löste sich bereits 1918, weil er das Manifest nicht unterzeichnen wollte. Als van Doesburg 1931 stirbt, ist er das letzte Gruppenmitglied, posthum erscheint als Hommage nur noch eine Nummer.

Bart van der Leck hatte sich da längst wieder dem Realismus zugewandt. De Stijl war für ihn nur ein vorübergehender Ausflug in die Abstraktion. Seinen Gemälden ist auch in Zeiten seiner Gefolgschaft das figurative Vorbild anzusehen, seien es Holzhacker im Wald oder Arbeiter vor dem Fabriktor. Die Ausstellung im Gemeente Museum führt die Schritte zur Reduktion von der Skizze bis zum fertigen Gemälde genau vor, nur dass der Maler auf dem gleichen Weg wenige Jahre später wieder rückwärts ging. Mondrian war zu dem Zeitpunkt nach Paris zurückgekehrt, von wo er 1938 über London nach New York emigrierte. Mit van Doesburg hatte er Mitte der Zwanziger gebrochen, nachdem sich die beiden über diagonale Raster zerstritten hatten.

De Stijl hatte da längst seinen Siegeszug angetreten, die Zeit war reif nicht nur für eine radikale Reduktion in der Malerei, den Abschied von der behäbigen Haager Schule, sondern auch für eine Zusammenführung der Künste im alltäglichen Gebrauch. Unter dem Banner von de Stijl begannen Maler Häuser zu entwerfen, Architekten zu malen, Glaskünstler Möbel zu bauen. Anders als beim Bauhaus, das ebenfalls die Vision eines Gesamtkunstwerks, die Vereinigung von Kunst und Leben verfolgte, hat de Stijl nie Massenproduktion angestrebt. Die Aufträge wurden stets individuell ausgeführt.

Ein Haus wie ein Bild Mondrians

Das schönste Beispiel dafür steht eine Autostunde von Den Haag entfernt am Ende einer traditionellen Backstein-Häuserreihe in Utrecht. Heute fällt der Blick aus dem Rietveld-Schröder-Haus nicht mehr ins Grüne, sondern auf eine Autotrasse. Gerrit Rietveld, der Architekt, erlebte noch deren Entstehung und hätte seinen luftigen Bau vor Zorn am liebsten abgerissen. Truus Schröder, für die er ihn entworfen hatte, hielt ihn ab. Zum Glück, inzwischen ist es Weltkulturerbe, weil es idealtypisch die Prinzipien von de Stijl verkörpert.

Die kleine Villa ist eine gebaute Huldigung an die Grundfarben, an Vertikale und Horizontale, ein Haus wie ein Bild Mondrians, nur dass darin die Bauherrin mit ihren drei Kindern leben konnte. Je nach Bedarf ließen sich Wände verschieben, neue Räume bilden. Der Benutzer wurde zum Kompositeur seines wohnlichen Glücks. Rietveld sollte später selbst einziehen, um mit seiner Auftraggeberin zusammen zu leben. Eine de Stijl-Verbindung, die hielt.

Gemeente Museum Den Haag, bis 21. 5.; Infos unter: mondriaantodutchdesign.com

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