100 Jahre Leica-Kamera : Du musst näher rangehen!

„Augen auf! 100 Jahre Leica“: Ein Buch und eine Ausstellung des Hamburger Hauses der Photographie in Frankfurt feiern den Geburtstag der legendären Kamera, die die Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts geprägt hat.

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Wegzehrung. „Sidewalk“, eine Aufnahme des New Yorker Fotografen Jeff Mermelstein aus dem Jahr 1995.
Wegzehrung. „Sidewalk“, eine Aufnahme des New Yorker Fotografen Jeff Mermelstein aus dem Jahr 1995.Foto: Jeff Mermelstein

Gut hundert Jahre ist es her, dass Oskar Barnack 1914 in Wetzlar den Prototyp der Leica-Kamera herstellte. Der Konstrukteur litt unter Asthma und konnte bei seinen Wanderausflügen keine schweren Plattenkameras tragen. Doch in den Handel kam die Kleinformatkamera erst zehn Jahre später. Der Erste Weltkrieg hatte die Produktion verzögert, und dann musste sie erst noch am Markt durchgesetzt werden, mit innovativen Methoden, die denen heutiger Marketingkampagnen in nichts nachstehen.

Die Leica – als Abkürzung für „Leitz Camera“ – stieg auf zum Inbegriff des spontanen Fotografierens. Dazu trug eine „Familie“ hochwertiger Wechselobjektive bei, mit denen sich selbst bei Zimmerbeleuchtung noch hervorragende Ergebnisse erzielen ließen, wie etwa der Politikprominenzfotograf Erich Salomon mit seinen Reportagen um 1930 unter Beweis stellte.

Die Leica war anders als alle vorangehenden Kameras, ihrer geringen Größe halber, anstelle schwerer Mittelformat- oder gar Plattenkameras. Dieser Fortschritt beruhte auf der Verwendung von perforiertem 35mm-Kinofilm mit Festlegung des Bildformats von 24 mal 36 Millimetern. Wie es bis heute Norm ist. Bis heute? Nein. Auch die Leica musste der digitalen Technik weichen. Heutzutage gibt es Leicas in Digitaltechnik, sie mögen qualitativ hervorragend sein, wie es der Tradition des Hauses entspricht, aber eben nicht mehr einzigartig wie die Leica mit Kleinbildfilm.

Einzigartig wurde die Leica durch die Fotografen, die sie benutzten. Über Jahrzehnte hinweg war die Reportagefotografie mit der Leica das Maß aller Dinge. Nicht zuletzt im Krieg, in dem die Tauglichkeit der Leica bewiesen wurde. „Wenn dein Foto nicht gut ist“, so ungefähr hat es der Kriegsberichter Robert Capa in seiner typischen Macho-Manier gesagt, „warst du nicht dicht genug dran“. Er ging dicht genug heran und trat dabei 1954 im Indochinakrieg auf eine Landmine. So wurden seine Aufnahmen, vom ersten, französischen Vietnamkrieg zu seinem Vermächtnis.

Leica-Kamera wird 100 Jahre
Jeff Mermelstein: Sidewalk, 1995.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: © Jeff Mermelstein / Leica Camera AG
13.04.2015 08:56Jeff Mermelstein: Sidewalk, 1995.

Augen auf! 100 Jahre Leica

„Augen auf! 100 Jahre Leica“ ist das Buch betitelt, das zum Jubiläum der Kamera hunderte von Fotos versammelt, dazu die Geschichten der Fotografen, ein Meister nach dem anderen. Im Grunde handelt es sich um eine Geschichte der Fotografie, die da auf 564 großformatigen, dickpapierenen Seiten ausgebreitet wird, um ein Kompendium, wie es kein zweites gibt. Das Buch ist der Begleitband zu einer Ausstellung des Hamburger Hauses der Photographie, die derzeit in Frankfurt am Main zu sehen ist und im Lauf des Jahres auch in die c/o Galerie nach Berlin kommen soll. Der Fotohistoriker Hans-Michael Koetzle konstatiert im Vorwort: „Keine Frage, die Kamera aus dem Hause Leitz zählt zu den wegweisenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts“.

Das belegt das Buch dann Seite für Seite. Alle Aspekte der Leica-Fotografie werden von 20 Beiträgen beleuchtet, aparterweise allesamt mit Zitaten überschrieben. Doch das Eigentliche sind die Fotografien und dazu die Zeitschriften und Bücher, in denen sie publiziert wurden. Gerade dafür ist Koetzle prädestiniert, der, wie Martin Parr in England, hierzulande das Fotobuch als Medium gewürdigt hat. Man kann, dies die Quintessenz, die Fotografie und ihre Verbreitung im Buch nicht voneinander trennen, und die Leica erwies sich als die ideale Kamera für die Bedürfnisse der gedruckten Verbreitung.

Kein und leise: deal für unbemerkte Schnappschüsse

Was schnell auch die Propagandisten der kriegführenden Parteien des 20. Jahrhunderts merkten. Das zeigt sich am Beispiel von Robert Capas berühmten Fotos eines tödlich getroffenen Republikaners im Spanischen Bürgerkrieg. Denn es existiert noch ein zweites, offenbar an selber Stelle aufgenommenes Bild. War die „Ikone“ also nur gestellt? Schwer zu sagen, der Beitrag lässt die Frage offen.

Wunderbar dann der beigeheftete Nachdruck einer Broschüre der Industriefotografin Liesel Springmann aus dem Jahr 1953, der die Arbeit im Leitz-Werk darstellt: Präzisions-Handarbeit, wie man sie heute nur mehr mit Staunen sehen kann, als Zeugnis einer untergegangenen Produktionsform. So wurden die Kameras hergestellt, mit Lupe und Pinzette, von Herren in weißen Kitteln.

Geschichte der Leica ist die Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts

Der moment décisif, der „entscheidende Moment“, den Henri Cartier-Bresson zu seinem Markenzeichen erhob, ist ganz wesentlich geprägt von der Technik der Leica, die klein und unscheinbar blieb und beim Auslösen so gut wie kein Geräusch machte – ideal für unbemerkte Schnappschüsse. Was dieses schwergewichtige Buch enthält, ist eine Geschichte des visuellen Gedächtnisses vor seiner Überflutung durch Facebook, Instagram & Co. Aus einer Zeit, als das Auslösen des Kameraverschlusses noch eine bewusste Entscheidung war, um ein Bild zu formen und zu bewahren. Die Geschichte der Leica ist die Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts, über alle Grenzen hinweg, von William Klein bis Jiri Kolar. Grandios!

Hans-Michael Koetzle (Hrsg.): Augen auf! 100 Jahre Leica. Kehrer Verlag, Heidelberg 2014. 564 S., 98 €. – Die gleichnamige Ausstellung ist bis 31. Mai im Frankfurter Fotografie Forum zu sehen.

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