Kultur : 100 Tage George W. Bush: Kaum zu fassen

Malte Lehming

Seine Gegner sagen, die Politik wird von den Schwergewichten im Kabinett des US-Präsidenten gemacht. Er selbst sei dazu nicht in der Lage. Seine Anhänger sagen, einen klugen Mann zeichnet es aus, dass er sich mit guten Beratern umgibt. Seine Gegner sagen, George W. Bush kann keinen Satz grammatikalisch korrekt frei formulieren. Seine Anhänger sagen, im Unterschied zur schwülstigen Rhetorik von Bill Clinton ist Bush, wenn er spricht, immerhin ehrlich. Seine Gegner sagen, er ist ein konservativer Knochen. Seine Anhänger sagen, dass das übertrieben und Bush in Wirklichkeit recht harmlos ist. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Denn nach hundert Tagen "Dubya" ist die amerikanische Öffentlichkeit so gespalten wie vor und während der Präsidentschaftswahl selbst. Nur Bush scheint dies nicht anzufechten. Er regiert, als ob er mit überwältigender Mehrheit ins Amt gewählt worden sei. Kein Hauch von Bescheidenheit, von der versprochenen Überparteilichkeit ist kaum noch etwas zu spüren. Selbstherrlich ist er, schimpfen die einen, selbstbewusst nennnen das andere.

Wie und was also ist er nun, der neue US-Präsident? Im Wesentlichen zeichnen sich fünf Merkmale ab: Bush macht sich rar, er ist konfliktscheu, er hat politischen Instinkt, er ist gut organisiert, und sein oberstes Ziel ist die Stärkung der Wirtschaft. Außerhalb der Vereinigten Staaten mag diese Aufzählung überraschen. Dort wird ihm die miserable Umweltpolitik angekreidet, die fehlende Nahost-Diplomatie, sein texanischer Todesstrafen-Rekord oder das Festhalten am Recht auf Waffenbesitz. Doch die Innen-Wahrnehmung ist anders. Dass Bush etwa den Kyoto-Vertrag zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung aufgekündigt hat, nimmt ihm in Amerika kaum jemand übel. Im Senat war eine Vorlage mit 95 zu 0 Stimmen durchgefallen. Kritisiert wird der Präsident dagegen für die Art, wie er es getan hat. Das sei gegenüber den Verbündeten provozierend gewesen.

Merkmal 1: Bush macht sich rar.

In den ersten 50 Tagen seiner Präsidentschaft haben die US-Medien nur halb so viel über Bush berichtet wie vor acht Jahren über Clinton. Der Normalbürger erinnert sich höchstens an seine Inaugurationsrede, an nicht viel mehr. Am Oster-Wochenende zum Beispiel, als die 24 in China festgehaltenen amerikanischen Soldaten endlich nach Hause fahren durften, und als kurz zuvor in Cincinnati drei Tage lang Rassenunruhen getobt hatten, da saß Bush in aller Seelenruhe auf seiner Ranch in Crawford und ließ nichts von sich hören. Ein Clinton hätte sich solche Gelegenheiten zur Selbstdarstellung nicht entgehen lassen. Und erst eine richtige Pressekonferenz hat Bush gegeben. Ansonsten stellt er sich, wenn seine Berater es für richtig halten, mit einer vorgefertigten Erklärung vor die Mikrofone und liest ab. Ein Kolumnist nannte ihn unlängst den A-4-Präsidenten: Auf der ersten Zeitungsseite finden sich die spannenden Themen, Berichte über Bush tauchen ab Seite 4 auf.

Merkmal 2: Bush ist konfliktscheu.

Zu Anfang schien der Neue im Weißen Haus keine Skrupel zu kennen. Der Irak wurde bombardiert, das Raketenabwehrsystem vorangetrieben, in der Arktis sollte nach Öl gebohrt werden und religiöse Institutionen sollten Steuergelder erhalten. Doch fast unmerklich rudert Bush seitdem in vielen heiklen Fragen zurück. Die Irak-Sanktionen sollen jetzt gelockert werden, die Steuererleichterung fällt sicher nicht ganz so happig aus, die Religionsinitiative wurde verschoben, selbst sein Lieblingsprojekt - die Bildungsreform - hat Bush dermaßen entschlackt, dass es nun auch für Demokraten akzeptabel ist. In der Krise mit China ist Bush dann ein Patzer passiert, den er allerdings schnell wieder korrigierte. Erst hatte Bush den Frechheiten Pekings kaum etwas entgegenzusetzen. Am Ende musste er sich für die Folgen eines offenbar von den Chinesen verschuldeten Unfalls entschuldigen. Schließlich verkündete er zur Verblüffung seiner eigenen Leute: Die USA werde Taiwan verteidigen, wenn China das Land angreifen sollte. Das war ein klarer Bruch mit der bisherigen traditionellen US-Linie. Bush beeilte sich, schnell von dieser Position wieder abzurücken.

Merkmal 3: Bush hat Instinkt.

Rhetorisch ist der US-Präsident eine Katastrophe. Inzwischen sind die ersten Bücher mit "Bushismen" auf dem Markt. Dabei handelt es sich nicht um Versprecher, sondern um kryptische oder grammatikalisch falsche Formulierungen. Dennoch hält Bush die Fäden fest in der Hand. Er hat es zwar nicht gelernt, die Syntax und Semantik zu beherrschen, dafür beherrscht er die wichtigsten Menschen in seiner Umgebung. Alle seine Mitarbeiter sind ihm hundertprozentig ergeben. Weder Außenminister Colin Powell, noch Vizepräsident Dick Cheney oder Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - allesamt höchst erfahrene Politiker - lassen einen Zweifel darüber aufkommen, wer das letzte Wort hat. Die Republikanische Partei wiederum, ebenfalls kein natürlicher Hort der Eintracht, hält bislang ebenfalls still. Bush mag gelegentlich wie eine Marionette wirken, aber er spielt die Rolle des Präsidenten in einem von ihm inszenierten Stück.

Merkmal 4: Bush ist gut organisiert.

Gravierende Fehler sind seinem Kabinett in den ersten hundert Tagen nicht unterlaufen. Die ursprünglichen Ziele - Steuerreduzierung, Bildungsreform, Umbau des Sozialversicherungssystems, Neustrukturierung der Verteidigungskräfte - werden hartnäckig verfolgt. Auf krisenhafte Ereignisse wird zunehmend professionell reagiert. Ohne Murren war der Verteidigungsminister während der China-Krise abgetaucht, während der Außenminister die Wogen glättete.

Merkmal 5: Das oberste Ziel von Bush ist die Stärkung der US-Wirtschaft.

Alle anderen Erwägungen - wie Umweltschutz, Moral, Menschenrechte oder antikommunistische Prinzipien - sind dieser Maxime untergeordnet. Das war während der China-Krise ebenso zu spüren wie im Streit über den Klimaschutz. Auch Ronald Reagan war ein Freund der Wirtschaft. Aber Reagan hatte auch Überzeugungen, für die er sich einsetzte. Wofür Bush steht, wissen die Amerikaner dagegen immer noch nicht. Er scheint auf eine fast beängstigende Weise unberührt von den Dingen zu sein, die er entscheiden muss. Als Präsidentschaftskandidat hatte Bush eine Rekordsumme an Spendengeldern für sich eingetrieben. Geholfen hatte ihm dabei das geradezu dynastische Familien-Netzwerk. Dem fühlt er sich verpflichtet. Amerikanische Kommentatoren schwanken in ihrer Beurteilung nicht minder als die Bevölkerung. Wie ein Aal im Wasser entziehe sich Bush einer klaren Definition, hieß es kürzlich. "Wir haben immer noch nicht das Gefühl, diesen Mann zu kennen."

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