Kultur : 11 : 13

Die Berliner Auktionshäuser sind zufrieden, aber nicht euphorisch

Michaela Nolte

Gegen Ende des Herbstmarathons präsentieren sich die Sammler auf dem deutschen Auktionsmarkt anspruchsvoll und wenig risikofreudig. Gefragt sind qualitätsvolle und gesicherte Werte, vor allem Werke, die dem Markt zum ersten Mal zur Verfügung stehen. Der Berliner Auktionator Tilman Bassenge bestätigt, dass ernsthaftes Sammeln das Begehr nach Investitionen oder Dekor ablöst: „Wer weiß, dass ein Bertelli seit zwanzig Jahren nicht mehr auf dem Markt war, kämpft um das Blatt.“ So geschehen auf der Bassenge-Auktion mit Kunst des 15. bis 19. Jahrhunderts, wo ein Amsterdamer Sammler Luca Bertellis „Allegorie auf den Tod“ nach Tizian von 8000 auf beachtliche 41 000 Euro steigerte. Karl Friedrich Schinkels „Gotische Kirche im Eichenhain“ verdreifachte die Erwartungen. Nach einem spannenden Bietgefecht sicherte sich der Frankfurter Handel die Lithografie gegen ein Museum und einen englischen Händler für 63 000 Euro. Vor Abschluss der gestrigen Fotografieauktion und der heutigen Versteigerung von Miscellaneen & Trouvaillen erzielte Bassenge mit einem Umsatz von rund 2,2 Millionen Euro und 58 Prozent Zuschlägen von 2230 Losen ein insgesamt durchwachsenes Ergebnis.

In der Villa Grisebach zeichnete sich ebenfalls eine Tendenz zu Marktfrische und Qualität auf internationalem Niveau ab. Insbesondere das mittlere Preissegment der Klassischen Moderne bot wenig Anlass zur Euphorie. Mit dem Hammerpreis von 42 000 Euro für ein „Knabenbildnis“ von Emil Nolde war hier die Schallgrenze erreicht. Bei einem Gesamtvolumen von zehn Millionen blieb man mit 7,2 Millionen Euro Umsatz zwar zufrieden, aber unterhalb der Erwartungen – zumal allein zehn Prozent auf Alexej von Jawlenskys „Äpfelstillleben mit violettem Krug und Figur“ fielen.

Für die Villa Grisebach ist das Geschäftsjahr Dank der Frühjahrsauktion gleichwohl erfolgreich verlaufen, und das Kölner Auktionshaus Lempertz verzeichnet mit 7,2 Millionen Euro zumindest ein zum vergangenen Herbst analoges Ergebnis. Die sich abzeichnende Entwicklung ist dennoch ernst. Neben der generellen ökonomischen Krise hat nicht zuletzt die kurzzeitig avisierte Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Kunstwerke zur Verunsicherung der Kunden beigetragen. In einem Brief an den Bundeskanzler verglich Bernhard Schulz, Geschäftsführer der Villa Grisebach, den deutschen Kunstmarkt mit einem Fußballfeld, auf dem die gegnerische Mannschaft stets mit 13 Spielern antritt, während sich die heimische mit 11 begnügen muss. Natürlich war das saloppe Bild unter Sportsfreunden ökonomisch fundiert und belegte, dass der deutsche Kunsthandel auch ohne die Steueranhebung gegenüber der amerikanischen und europäischen Konkurrenz via Folgerechtskosten im Wettbewerbsnachteil ist. Handelsplätze wie New York oder London sind für Käufer und Einlieferer lukrativer. So gehen der Bundesrepublik nicht nur wichtige Kunstwerke und Sammlungen verloren, sondern letztendlich auch Steuereinnahmen.

Bassenge-Auktionen, Erdener Straße 5a, heute ab 9.30 Uhr: Miscellaneen & Trouvaillen des 15.-19. Jahrhunderts .

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