Kultur : 12 000 Kilometer

Ein transatlantisches Theaterprojekt kehrt heim

Eva Kalwa

Die Zuschauer sind nur aufgemalt, die Berührung des Interieurs ist verboten. Mitten im Niemandsland des Death Valley liegt das skurrile Amargosa Opera House. Der extravagante Lebenstraum der 83-jährigen Primaballerina Marta Beckett gehört für Ronald Marx, den künstlerischen Leiter des German Theater Abroad, zu den denkwürdigsten Orten auf seiner Tournee durch die USA: „Wir sind die einzige Truppe, die jemals dort auftreten durfte.“

Sieben Wochen war die deutsch-amerikanische Theatertruppe in einem grün lackierten Schulbus unterwegs und zeigte in 24 Städten das von Roland Schimmelpfennig für die Tournee verfasste Stück „Start up“. Die Weltpremiere der Geschichte um junge Deutsche, die in den USA mit naivem Idealismus ein deutsches Theater eröffnen wollen, fand am 9. Oktober 2007 in New York statt. Nach 12 000 Kilometern Fahrt Richtung Westen – wegen eines fehlenden Navigationssystems 2000 Kilometer mehr als geplant – erreichte das fünfzehnköpfige Ensemble Ende November Los Angeles. Im Gepäck jede Menge Filmkassetten und ein Kaleidoskop neuer Erfahrungen: „Uns wurde bald klar, wie wenig die Amerikaner auf unser Projekt gewartet haben“, resümiert Marx lakonisch. Ein Filmteam des ZDF-Theaterkanals hat die außergewöhnliche Theaterreise begleitet, am 1. April um 22 Uhr 05 wird die Dokumentation ausgestrahlt.

Nun feiert das German Theater Abroad im Haus der Berliner Festspiele sein „Coming Home“. Neben Schimmelpfennigs „Start up“ werden viele in das Stück integrierte Videosequenzen und sogar der grüne Tourbus zu sehen sein. Die Schauspieler werden auch Publikumsfragen beantworten und Auskunft darüber geben, wie man die „gruppendynamischen Prozesse im Bus“ überlebt.

Nach jeder Fahrt wurden die drei deutschen und zwei amerikanischen Schauspieler am neuen Spielort gefilmt. Sie stehen vor Rinderherden, Westernkulissen, erloschenen Leuchtschriften, modernen Skylines und in der menschenleeren Prärie. Oft sind auch Ortsansässige involviert, die sich bei der abendlichen Vorstellung überrascht auf der Videoleinwand wiederfinden. Gespielt wurde an vielen ungewöhnlichen Orten, auf einem Hangar, im Museum, im Casino, in einem ehemaligen Plattenladen oder einer schwul-lesbischen Kirchengemeinde.

„Wir hatten jede Menge wunderbarer Begegnungen mit den Einheimischen. Viele von ihnen waren zum ersten Mal im Theater“, so Marx. Kulturimperialismus einmal von der anderen Seite. Schimmelpfennig zeigt auch einen amerikanischen Vermieter, der auf seinem Grundstück ausgerechnet einen Videoladen anstelle eines Theaters eröffnen möchte. Viel Ironie wird nötig sein, um die interkulturellen Klischees zu brechen. Mal sehen, ob die Heimkehrer genug davon mitbringen? Eva Kalwa

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, bis 30.3., jeweils 20 Uhr.

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