125 Jahre Berliner Musikinstrumentenmuseum : Schreipfeifen und Löwenköpfe

Das Musikinstrumentenmuseum ist Berlins unbekannteste Schatzkammer. Es birgt eine schwindelerregende Fülle alter Tonerzeuger: 4000 Exponate, von denen 500 ständig ausgestellt sind. Eine Einladung zur Entdeckung.

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Empfindliche Exponate. Entworfen wurde das Haus neben der Philharmonie von Hans Scharoun.
Empfindliche Exponate. Entworfen wurde das Haus neben der Philharmonie von Hans Scharoun.Foto: Thilo Rückeis

Sanft rieselt Licht in den Saal: gefilterte Sonnenstrahlen, gepaart mit dem blassen Gelbrot künstlicher Beleuchtung. Spielerisch legt es sich über die bunt bemalten Cembali, schmiegt sich den hölzernen Körpern der Geigen und Celli an, umströmt die braun gemaserte Gray-Orgel aus England. Noch ist nicht viel los im Musikinstrumentenmuseum, die Wärter sind allein mit den Schätzen, ihr Murmeln vermischt sich mit morgendlicher Stille. Immer wieder fallen ihre Blicke auf den Besucher. Ansonsten: Schweigen, Einsamkeit, Einkehr.

Das Musikinstrumentenmuseum, das 2013 sein 125-jähriges Bestehen feiert, ist vielleicht Berlins unbekanntestes großes Museum. Dabei wirkt die Fülle an wundersamen, heute meist völlig unbekannten Instrumenten, die hier ausgestellt sind, geradezu schwindelerregend: Tafelklavier, Harmonium, Viola d’amore, Einfachpedalharfe, Clarinette d’amour, Clavichord, Mandoline, Arpeggione, Dulzian (ein Vorläufer des Fagott), Krummhörner, Schreipfeifen. Rund 4000 Objekte besitzt das Museum, 500 davon sind ständig zu sehen – eine musikalische Wunderkammer. Die ältesten stammen aus dem 16. Jahrhundert, die Zeit, in der sich fahrende Musiker in Städten niederließen und in Klöstern (Orgeln!) der professionelle Instrumentenbau begann.

„Sehen Sie nur diesen Kontrabass, es ist mein Lieblingsstück“, schwärmt Annette Otterstedt. Sie ist eine der drei Kuratorinnen des Museums, hat an der Technischen Universität bei Carl Dahlhaus promoviert, spielt Gambe. Vorsichtig streichen ihre Finger über die Kurven des Basses: „Er ist nahezu völlig im Original erhalten, bis hin zu den Darmsaiten.“ Um 1700 von einem gewissen Hans Christoph Zäncker in Böhmen gebaut, grüßt der gemütliche Riese jeden gleich gegenüber vom Eingang.

Aber viel zum Grüßen hat er nicht – was allerdings auch Vorteile hat. „Wir stecken zwischen Baum und Borke“, sagt Otterstedt. Einerseits wären mehr Besucher wünschenswert, andererseits belastet jeder, der kommt, die empfindlichen Stücke, allein schon durch Ein- und Ausatmen. Und: „Natürlich würden wir mit den Instrumenten gerne das tun, wozu sie gebaut wurden: Zum Klingen bringen.“ Doch gerade das ist oft nicht möglich, menschlicher Speichel ist eine sehr aggressive Substanz, die altes Holz und Blech zerstören kann.

Inzwischen wird es lebhafter im Saal. Schulklassen sind die wichtigste Besuchergruppe, dazu interessierte professionelle Musiker – und Touristen, viele davon jung. Zwei Spanier fotografieren die Löwenköpfe der Gamben. Ob sie wissen, dass diese Institution 125 Jahre alt ist? Dem Neubau sieht man es nicht an. Die Geschichte des Museums war eine Odyssee. 1888, im Dreikaiserjahr, hatte die Reichshauptstadt keine eigene Sammlung von Musikinstrumenten.

Aus dem rivalisierenden Wien kam damals die Bitte, zur Weltausstellung Stücke zur Verfügung zu stellen. Man hatte nichts – wie peinlich für den preußischen Staat. Aber dann ging es, auch typisch für Berlin, ganz schnell. 40 Instrumente aus der Sammlung des Königs bildeten den Grundstock, dazu kamen die Sammlung von Paul de Wit und die des Belgiers Cesar Snoek, der 3000 seiner Instrumente verkaufte. Um 1900 besaß Berlin plötzlich die größte Sammlung der Welt.

Untergebracht war sie in der Fasanenstraße, das Museum gehörte damals zur Hochschule für Musik (heute UdK). Curt Sachs, legendärer Museumsdirektor der zwanziger Jahre, führte eine Instrumentensystematik ein, die noch heute weltweit in Gebrauch ist. Sein Schicksal reiht sich ein in das tausender Juden: Nach 1933 wurde er in die Emigration gezwungen, er starb in New York.

Auf Initiative von Joseph Goebbels wurde die Sammlung 1935 dem neu gegründeten „Staatlichen Institut für Deutsche Musikforschung“ angegliedert, das rassistischen Forschungszwecken diente. Nach dem Krieg fiel das Attribut „Deutsch“ weg, heute ist das – Achtung, Bandwurmname! – „Staatliche Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz“ Träger des Museums, es befindet sich (einschließlich einer gut sortierten musikwissenschaftlichen Bibliothek) gleich nebenan. Egal ob zerstört, geklaut oder in strengen Wintern verheizt: Nach 1945 waren nur rund 700 Instrumente übrig, der Aufbau der Sammlung begann von Neuem.

Erst war sie im Schloss Charlottenburg untergebracht, dann im heutigen UdK-Gebäude an der Bundesallee, ab den sechziger Jahren schließlich im Neubau von Hans Scharoun und Edgar Wisniewski, in dem sie noch heute residiert. Der ist problematisch. Nur ein einziger großer Saal steht zur Verfügung, besser wären kleinere Kabinette. Dazu kommen prekäre klimatische Bedingungen. Scharouns Plan war ursprünglich für das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven gedacht, das ihn aber ablehnte. Die Instrumente fremdeln. Und der Blick von oben, bei Google Earth ganz einfach, zeigt: Scharoun hat sich das Gebäude als Schiffsbug gedacht. Ebenerdig ist die unscheinbare Fassade leicht zu übersehen. Tausende Autos brausen auf der Ben-Gurion-Straße in den Tiergartentunnel. Das Museum liegt mitten in der Stadt und doch am Rand.

„Berlin war nie ein Zentrum des Holz- oder Streicherbaus“, sagt Otterstedt. „Das liegt an den hiesigen Böden, auf denen nur Kiefern wachsen, die zum Instrumentenbau ungeeignet sind.“ Quasi kompensatorisch wurde die Stadt im 19. Jahrhundert führend im Blechblasbau. So erfanden Heinrich Stölzel und Friedrich Blühmel in Berlin das Ventil für Blechblasinstrumente. Bis dahin konnte die Tonhöhe nur mit Lippenspannung reguliert werden. Die Sonderausstellung „Valve. Brass. Music. 200 Jahre Ventilblasinstrumente“ soll im Dezember der Höhepunkt des Jubiläumsjahres werden.

Die nächsten Matineekonzerte der Gotthard-Schierse-Stiftung finden am 28.7. sowie am 4., 11. und 18.8. statt.

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