Kultur : 13 000 Liter Wasser für ein Kilo Fleisch

Schlachtfeld Erde: Gwynne Dyer warnt vor den Folgen des Klimawandels

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Die Zukunft sieht düster aus: Im Jahr 2045 ist Europa zu einer Festung umgebaut, die von Hurrikanen umtost wird. Süditalien ist längst von Hungerflüchtlingen aus Afrika überrannt und deshalb von Norditalien abgeriegelt. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist vermint. Pakistan und Indien haben sich in einem Atomkrieg gegenseitig ausradiert.

Was nach hysterischer Endzeitphantasie klingt, sind für Gwynne Dyer potenziell realistische Auswirkungen des Klimawandels. „Ein Krise apokalyptischen Ausmaßes wird mit ziemlicher Sicherheit das Gesicht des 21. Jahrhunderts prägen“, schreibt der kanadische Militärhistoriker und Journalist in seinem neuen Buch. Darin entwirft er verschiedene Szenarien für eine Welt, der es nicht gelingt, in den kommenden 20 Jahren ihren CO2-Ausstoß um 80 Prozent zu reduzieren. Dazu gehört der gewaltige Mangel an Ressourcen, Wasser und Nahrungsmitteln und die sich daraus ergebenden katastrophalen Folgen: „Wir werden konfrontiert sein mit Millionen von Hungertoten und sehr wahrscheinlich auch mit Atomkriegen – und bei all dem haben wir nur noch äußerst geringe Chancen, die Situation noch irgendwie zu verbessern.“

Vieles, was Dyer zum Phänomen Klimawandel schreibt, ist bekannt, er legt es noch einmal ausführlich dar. Wer wenig vom Thema weiß, dem wird ein Überblick geboten über Temperaturentwicklung und CO2-Konzentration quer durch die Jahrtausende, ein Crashkurs in Erdfrühgeschichte, eine Analyse des Scheiterns des Klimagipfels in Kopenhagen und nachdenklich stimmende Fakten, wie die, dass 13 000 Liter Wasser gebraucht werden, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren.

Interessant und neu sind die strategischen und politischen Szenarien, die Dyer aus diesen Zahlen und Beobachtungen ableitet und durch die er der abstrakten Tatsache der Erderwärmung ein Gesicht gibt. Dass die Durchschnittstemperatur um drei Grad steigt, ist schließlich deutlich weniger greifbar als die Beschreibungen eines neuen Kalten Krieges zwischen den USA und Russland um den Nordpol oder das Erstarken des Umweltterrorismus, der für einen atomaren Fallout in Frankreich sorgt. Sind Dyers Bilder gelegentlich auch grell geraten, argumentiert er nie im luftleeren Raum. Er untermauert jedes Szenario mit den Aussagen renommierter Wissenschaftler, Umweltschützer und Militärs.

Trotzdem ist Skepsis angebracht, ob Dyer mit einigen seiner Untergangsszenarien Recht behalten wird. Zum einen ist die Erforschung des Klimawandels nicht so abgeschlossen wie hier behauptet, zum anderen dürften besonders die Planspiele des Militärs ein nicht geringes Interesse am Entwerfen besonders dramatischer Bedrohungen haben – zur Rechtfertigung der eigenen Existenz. Die drastischen Beispiele erfüllen trotzdem ihren Zweck: Sie rütteln auf.

Ob sich der Leser aber gleichzeitig mit allen Schlussfolgerungen, die Dyer aus seinen Schilderungen der drohenden Apokalypse zieht, anfreunden möchte, ist offen. Die Feststellung jedenfalls, dass wir „unsere Energiebereitstellung, unser Transportwesen und unsere Industrie vollständig dekarbonisieren“ müssen, ist unumstritten. Einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels könnten aus Dyers Sicht vor allem zwei Dinge liefern: die Gentechnik, mithilfe derer Fleisch und Getreide im Labor ohne so großen Wasserverbrauch gezüchtet werden können und, zweitens, das Geo-Engineering, also die Beeinflussung des Klimas mit technischen Hilfsmitteln. Nicht wenigen dürfte das, nachdem Dyer zuvor den Menschen als Verursacher des Klimawandels ausgemacht hat, als bittere Satire erscheinen.

Gwynne Dyer: Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert. Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 384 Seiten, 22,95 Euro.

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