• 13. Gallery Weekend Berlin: Galerist Matthias Arndt: „Südostasiatische Kunst provoziert westliche Betrachter“

13. Gallery Weekend Berlin : Galerist Matthias Arndt: „Südostasiatische Kunst provoziert westliche Betrachter“

Matthias Arndt hat schon früh Kunst aus Südostasien gezeigt. Anfangs rollten die Berliner Kollegen noch mit den Augen. Was hat seinen Blick auf neue Bahnen gelenkt?

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Matthias Arndt gründete 1994 seine erste Galerie. Inzwischen betreibt er mit Arndt Art Agency eine Kunst-Agentur.
Matthias Arndt gründete 1994 seine erste Galerie. Inzwischen betreibt er mit Arndt Art Agency eine Kunst-Agentur.Foto: Bernd Borchardt

Herr Arndt, Sie haben als einer der ersten Galeristen 2011 in Berlin Kunst aus Südostasien gezeigt. Das Programm Ihrer Galerie war zuvor schon international ausgerichtet, fußte aber weitgehend auf Positionen im europäischen Kontext. Was hat Ihren Blick in neue Bahnen gelenkt?

Seit der Gründung von Arndt & Partner 1994 verfolge ich einen internationalen Ansatz. Parallel zu europäischen Künstlern wie Sophie Calle, Thomas Hirschhorn oder Gilbert & George zeigten wir Rachael Harrison, Jules de Balincourt, Jon Kessler oder Josephine Meckseper aus den USA und Vik Muniz aus Brasilien. Dann kam mit Jitish Kallat zeitgenössische Kunst aus Indien hinzu und später eine erste Übersichtsschau chinesischer Gegenwartskunst. 2009 kam ich auf einer Reise erstmals in Singapur und Jogjakarta mit südostasiatischer Gegenwartskunst in Kontakt. Obwohl es mir an Kriterien mangelte, um diese stark figürliche, farbenfrohe und thematisch oft provozierende Kunst in meinen westlich geprägten Kontext einzuordnen, war ich sofort begeistert.

Wie waren denn die Reaktionen auf diese Ausstellungen und auf spätere Projekte wie „Filipino Art Today“ 2015 oder mit zeitgenössischer tibetischer Kunst im Jahr davor? Konnten Sie neue Sammler gewinnen oder Berliner Institutionen dafür interessieren?

In Berlin rollten vor allem manche Kollegen zunächst mit den Augen und wähnten mich auf einer „Folklore-Expedition“. Doch Kuratoren, Sammler und Museen aus Europa, den USA und Australien schauten genauer hin und vertrauten meinen Empfehlungen. Die Sammlung Olbricht erwarb früh in Hongkong eine große Installation von Entang Wiharso aus Indonesien, die Samlung Wemhöner eine Installation von Eko Nugroho, die bald in der Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ in Wittenberg gezeigt wird.

Was erschwerte die Rezeption?

Die Künstler in Indonesien, auf den Philippinen, in Thailand, Vietnam oder Kambodscha engagieren sich sehr für ihre „Communities“ und benennen offen und zum Teil auf provokante Weise die vielen Herausforderungen, mit denen die Gesellschaften in ihren Ländern zu kämpfen haben. Dies provoziert viele westliche Betrachter, die eine Kunst, die sich mehr mit sich selbst und dem Kunstmarkt beschäftigt, gewöhnt sind. Außerdem ist die erste Begegnung mit den oft opulenten Farb- und Formenwelten oft eine ästhetische Herausforderung. Doch wer ein zweites und drittes Mal hinschaut und sich gut beraten lässt, dem erschließen sich neue Kunstwelten mit großer Tiefe und Qualität.

Wie groß sind die kulturellen Differenzen? Gibt es auch ähnliche Bildsprachen?

In Südostasien leben fast eine Milliarde Menschen aus allen Weltreligionen und mit über 20 Sprachen. Spannend für den Westen ist aktuell die Begegnung mit philippinischer Gegenwartskunst: Durch die christliche Prägung der Kolonialzeit ist uns die Ikonografie dieser Kunst vertrauter. Dann aber schöpfen die Künstler sowohl aus der spanisch-christlich geprägten Geschichte und ihren Versuchen der Befreiung von den Invasoren als auch aus ihrer amerikanischen, japanischen und frühen chinesischen Prägung. Ein Künstler wie Rodel Tapaya bezieht außerdem die präkoloniale philippinische Folklore und Mythologie in seine Bilder ein und thematisiert die Probleme, der Stadt- und Landbevölkerung wie auch Millionen von Gastarbeitern ausgesetzt sind. Der junge Jigger Cruz wiederum schichtet Farbe in zahllosen Lagen über Untermalungen, die an Bilder der spanischen Kolonialzeit erinnern.

Versuchen Künstler aus dem südostasiatischen Raum, europäische Stile aufzunehmen, um hier besser anzukommen?

Ein reifer Künstler schöpft die Inhalte, Form und Präsentation seiner Arbeit aus sich und seinem Umfeld. Das ist in Südostasien nicht anders als im Westen. Die Qualität und das Potential dieser Kunst liegen in ihrer Authentizität. Ich rate den Künstlern, sich mit ihrer Arbeit dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Den Rest entscheiden der Markt und der Kunstbetrieb. Der jüngsten Generation südostasiatischer Gegenwartskunst ist formal schon gar nicht mehr anzumerken, woher sie stammt.

Wie entwickelt sich für Sie die Situation?

In den ersten vier Jahren der Aufbauphase bis 2014 konnte ich aus meinen in der Region Asien-Pazifik früh geknüpften Kontakten schöpfen, um unsere Publikationen und Ausstellungsprojekte in Berlin, Melbourne, Sydney, Singapur, Hongkong, Paris, in Jogjakarta zu finanzieren. In Indonesien und auf den Philippinen entstehen bedeutende Sammlungen südostasiatischer und neuerdings auch internationaler Kunst. Die Sammler unterstützen stolz und engagiert die Künstler ihrer Region. In den letzten Jahren konnten wir zahlreiche wichtige Werke in großen internationalen Museen platzieren. Das Interesse und der Nachholbedarf im Westen sind riesig und die Preise für südostasiatische Gegenwartskunst im Verhältnis zu den USA und China noch niedrig. Außerdem wird die Region Südostasien bedeutendster Handelspartner auch der westlichen Ökonomien. Der Wohlstand in den Regionen steigt in den letzten Jahrzehnten stetig. Dies wird sich auch auf den Markt und die kulturelle Akzeptanz auswirken.

Das Gespräch führte Christiane Meixner.

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