13. Gallery Weekend Berlin : Sing mir das Lied von der Freiheit

Die Marseillaise und andere Hymnen: Anri Sala zeigt in der Galerie Esther Schipper seine Videoinstallation „Take Over“.

Laura Storfner

Die Marseillaise dürfte man in letzter Zeit öfter gehört haben: Auf Wahlpartys des Front National ertönte sie, die Anhänger von Emmanuel Macron stimmten sie an. Man wollte die Hymne nicht Marine Le Pen überlassen. Dabei hat die Marseillaise ihre Bedeutung schon oft geändert. Im Revolutionsjahr 1792 als Kriegslied verfasst, wurde sie wenige Jahre später zur Nationalhymne erklärt, nur um während der Restauration verboten und später als Staatssymbol wiedereingesetzt zu werden. Schon immer wirkte sie über die Landesgrenzen hinaus. Ungarische Freiheitskämpfer sangen sie genauso wie die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Das Kampflied wurde zum nationalen Selbstbekenntnis, zum transnationalen Widerstandsbekenntnis, zum Soundtrack der Freiheit.

Die Frage, wer welche Hymnen wie für sich beansprucht, beschäftigt auch Anri Sala. Aufgewachsen in einer Zeit, als die Regierung seines Heimatlands Albanien alles kontrollierte, setzt er bis heute lieber auf Töne statt Texte. Wie nähert er sich einer Hymne wie der Marseillaise? Sala verschränkt sie mit einem anderen Lied der französischen Geschichte: der Internationale, dem Kampfesruf der sozialistischen Arbeiterbewegung. Beide Lieder sind durch die Zeit miteinander verbunden und überlagert, wurde die Internationale doch ursprünglich zur Melodie der Marseillaise gesungen.

Mit der Videoinstallation „Take Over“ spielt Sala die Lieder gegeneinander aus. Auf den beiden Seiten einer Projektionswand sieht man einen Pianisten am Klavier. Mal haut er buchstäblich in die Tasten, mal bewegt sich die Klaviatur wie von Geisterhand. In einem Moment erklingt der Rhythmus, als würden die Massen marschieren. Dann legen sich beide Melodien übereinander, überstimmen sich bis zum Klangchaos. Wer übernimmt hier welchen Part, wer hat die Oberhand, wessen takeover folgen wir?

Anri Sala spielt mit Semantik, Metaphorik und Musik

Das Spiel zwischen Semantik, Metaphorik und Musik verbindet Salas Werke. In „Mixed Behaviour“ von 2003 mischt ein DJ in Tirana Beats auf das Knallen der Silvester-Raketen ab und lässt so die gemischten Gefühle der Albaner klingen, für die jene Neujahrsklänge vor allem Krieg bedeuten. „Ravel Ravel Unravel“, sein Beitrag zur letzten Venedig-Biennale, funktioniert ähnlich. Hier interpretieren zwei Pianisten mal zeitgleich, mal versetzt ein Stück von Maurice Ravel, das später synchronisiert wird, also entwirrt, unravelt.

„Take Over“ wurde eigens für den neutralen Galerieraum konzipiert, in dem die Arbeit zu sehen ist. Das ist neu, denn sechs Jahre lang zeigte Esther Schipper in einer Altbauwohnung am Schöneberger Ufer Arbeiten, die auch auf die Eigenheiten der früheren Wohnräume eingingen. 2015 wuchsen mit der Fusion von Schipper und der Johnen Galerie die Künstlerliste, das Team und das Unternehmen. Prägten Schipper und Johnen die Kunstszene auf ihre Weise, markiert ihr Zusammenschluss nun die nächste Stufe.

Die neuen Räume im ehemaligen Tagesspiegel-Hof sind ein Bekenntnis zu Berlin als Standort. Für die Gestaltung wurden Selldorf Architects aus New York eingeflogen, die mit dem Berliner Büro s1 architektur das Konzept entwickelten. Die Trennung von Ausstellung und Verwaltung – bereits 2016 bezog man Büros im Nebengebäude – führt vor Augen, wie eine global agierende Galerie aussehen kann. Größer, arbeitsteiliger, mit einer klar abgegrenzten Hinterbühne. Die Strukturen erlauben es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Zusammenarbeit mit den Künstlern.

Sala nutzt diese Möglichkeiten auch für seine zweite Arbeit, die sich ebenfalls mit einer Nationalhymne auseinandersetzt – diesmal der deutschen. An der Wand hat er die Partitur arrangiert: Zeichnungen angebissener Äpfel ersetzen die Notenköpfe. Die Bissabdrücke stammen von geflüchteten Kindern, die er 2016 zu einem Workshop einlud. Mit jedem Biss hinterließen sie ihre Spur, die sie so exakt kenntlich macht wie ein Fingerabdruck. Die Identität derer, die gerade Teil unserer Gesellschaft geworden sind, vermischt Sala so mit einem Symbol nationaler Identifikation. In einem dissonanten Europa eröffnet er die Möglichkeit zur Wiederaneignung einer Hymne, die sonst vor allem Fußballfans schmettern und die von der extremen Rechten vereinnahmt wird. Was entsteht, ist das Volk als Remix. Und ein mehrstimmiges Deutschland.

Galerie Esther Schipper, Potsdamer Str. 81 E; Fr 18 -21, Sa/So 11 - 18 Uhr, dann bis 17.6. Di-Sa 11-18 Uhr.

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